Test: Propellerhead Record 1.5

Mit Recycle und Reason haben sich Propellerhead mit Sicherheit ihren Platz in der Geschichte der Musiksoftware gesichert, denn Reason war nicht nur für mich das erste Programm, das anschaulich die verschiedensten Syntheseformen nahe brachte. Alles, worüber ich oft nur gelesen hatte, konnte man mit Reason virtuell nachstellen und zwar so einfach, wie ich es als Gitarrenmann brauchte. Kein akademisches Parametergeschubse, sondern Hands-on Experience und virtuelles Strippenziehen. Um so erstaunlicher war es deshalb, dass die Schweden sich letztes Jahr entschlossen, mit Record eine auf Audiobearbeitung ausgerichtete DAW am Markt zu positionieren, wurde doch bis vor einigen Jahren entschieden abgelehnt, z. B. Reason eine entsprechende Funktionalität zu spendieren. Record verspricht nun für die Audio-Abteilung, was Reason schon lange für virtuelle Instrumente und MIDI-Sequenzing etabliert hat. Grund genug also, sich Record in der aktuellen 1.5er-Version genauer anzuschauen.

 

Propellerhead hat es sich mit Record zum Ziel gesetzt, Aufnahmen mit einem “musikerfreundlichen” Ansatz zu realisieren. Die Lösung erscheint auf den ersten Blick ganz einfach: Übersicht, Beschränkung auf das Wesentliche und kompaktes Design/Layout sind hier die Schlüsselworte.

 

Reason ist dafür bekannt, dass es sich auch auf relativ untermotorisierten Maschinen installieren lässt und sehr ressourcenschonend mit der Rechenpower haushalten kann. Für Record darf es dann aber etwas mehr sein. Ein Intel-Mac bzw. ein 2 GHz. Intel P4/AMD Athlon, oder besser sind hier Pflicht. Zusätzlich sollte der Rechner mit 1 GB RAM ausgestattet sein und 3 GB Festplattenspeicher frei haben.

Installation und Autorisation

 

Record lässt sich sehr einfach von der DVD installieren, über den Setup Wizard sind alle Einstellungen für Audio- und Midi-Interfaces schnell vorgenommen, und sodann kann man entweder mit einem Template oder einem leeren Projekt loslegen.

 

Zur Autorisation bietet Propellerhead zwei Varianten an:

zum einen über USB-Dongle, den sogenannten Ignition Key, oder

über eine permanente Internetverbindung, was für mich in Sachen Musiksoftware bisher ein Novum darstellt.

Möchte man Record und Reason im Tandem benutzen, ist es auf jeden Fall notwendig, beide Lizenzen zu koppeln. Dies geschieht über den Ignition Key. Das genaue Vorgehen wird zum Glück im Installationshandbuch haarklein beschrieben. Auf jeden Fall ist aber bei Record 1.5 die 5er-Version von Reason Pflicht.

 

Interface

Ich hatte es bereits erwähnt, ein Schlüssel von Record ist die Übersichtlichkeit, mit der das Programm zu bedienen ist. Im Prinzip spielt sich alles in drei Fenstern ab, dem Sequenzer, dem Rack und dem Mixer. Mit den Funktionstasten lässt sich schnell zwischen den verschiedenen Ansichten hin- und herschalten. Bei Bedarf ist es zudem möglich, den Screen zu splitten, z. B. wenn man den Sequenzer und den Mixer sehen möchte. Im Sequenzer lassen sich grundsätzlich zwei Ansichten schalten, Arrange und Edit.

 

Im Arrange View, man kann es sich schon denken, lassen sich die Audio – und Midi-Clips bewegen und Arrangieren, genauso wie man es von anderen DAWs gewohnt ist. Ebenfalls liegen in dieser Ebene Automationsdaten. Propellerhead bedient sich in Record der Clips-Terminologie, wer also mit Ableton Live kann, wird hier auch schnell verstehen, worum es geht.

 

Auf der Arrange-Ebene lassen sich neben dem Bewegen und Löschen Operationen wie Trimmen der Clips, Schneiden und Cut, Copy und Paste durchführen. Schön finde ich es gelöst, dass Record in den Clips gleich Funktionen anbietet wie Gain-Kontrolle oder das ein- und ausfaden. In der Edit-Ansicht passiert das, was man in anderen Sequenzern vom Wave-Editor kennt.

 

Wie Reason versteht sich auch Record 1.5 nun auf Blocks, die eine willkommene Arrangierlösung darstellen. Mit Blocks macht man sich den Umstand zu Nutze, dass Musiker dazu tendieren, in Patterns zu denken, also etwa Strophe, Chorus und Bridge. Einzelne Spuren lassen sich nun zu eben solchen Sequmenten zusammenfassen, die sich dann als Blocks leicht im Arrangement hin und her schieben lassen.

Für mich ist vor allem der Comp Mode interessant, welchen man über die Edit-Ansicht erreicht. In meinem Hauptsequenzer Logic nutze ich das Comp-Feature sehr intensiv bei Aufnahme und Edits. Recht ähnlich wie in Logic funktioniert der Comp Mode in Record: Man definiert einen Loop und bei jedem neuen Aufnahmedurchgang wird der Take in einem eigenen Layer abgelegt. Durch einfaches Überstreichen der gewünschten Stellen lassen sich so mit schnellem Tempo finale Takes generieren. Die Schnittmarken lassen sich noch händisch verschieben, außerdem kann man unangenehmen Knacksern mit einem Fade-Tool zu Leibe rücken. Dann einfach wieder den Edit-Mode zugeklappt und schon hat man seine alte Übersichtlichkeit wieder zurück.

 

Midi funktioniert mit allen Editing-Möglichkeiten genauso in Record, auch hier lassen sich die bekannten Möglichkeiten, die man vielleicht schon aus Reason kennt, nutzen. Im Edit-Mode klappt sich bei Midi-Ttracks die Piano-Rolle auf, unter der dann noch die Velocity-Werte , Controller-Daten und sonstige Automationsdaten sichtbar sind. Quantisierungswerte lassen sich genauso anwenden wie Transponierungen oder das Ändern von Notenlängen. Recht hip und angesagt ist auch, dass man die Tastatur des Rechners als Midi-Keyboard missbrauchen kann, wenn mal keine Eingabegeräte zur Verfügung stehen. Logic hat’s ja schon länger, mit Live geht es auch. Schön, dass auch Record hier nicht hinten an steht.

 

Record 1.5 unterstützt nun auch die Aufnahme von MIDI-Daten über verschiedene Controller auf unterschiedlichen Spuren. Das bedeutet, ein Keyboard lässt sich zum Beispiel dem einem Piano-Modul zuweisen, während man mit dem Drumpad den Kong triggert.

 

Erwähnen sollte man auch das Timestretch-Feature, mit dem sich Audio-Aufnahmen auch noch im Nachgang in der Geschwindigkeit ändern lassen. So macht es also keine Probleme mal zu schauen, wie denn der Song 10 BPM schneller oder langsamer klingen würde. Die Algorithmen von Propellerhead arbeiten in diesem Bereich sehr sauber und effizient und können mit denen von Ableton mithalten.

 

Zeit ist eine Sache, Pitch, bzw. Pitchkorrektur die andere. Hier hat man Record 1.5 nun Neptune spendiert, der sich dezent als als Tool zur Tonhöhenkorrektur verwenden lässt, dessen Potential aber durchaus viel weiter reicht. Jedem ist bestimmt noch der Cher-Effekt im Ohr, der auf einer Extremeinstellung von Antares Autotune basierte. Auch dies hat der Neptune drauf, darüber hinaus lässt er sich aber auch als Voice-Synthesizer einsetzen, der sich über ein MIDI-Eingabegerät triggern lässt.

 

Effektseitig versteht Record sowohl Send- wie auch Insert-Effekte und bietet eine reichhaltige Auswahl an allem, was man so im täglichen Leben braucht. Acht Effekt-Sends- und Returns bietet Record an, was in den meisten Fällen auch bei größeren Produktionen ausreichen sollte, und in etwa auch die Anzahl an Sends und Returns ist, die man auf einem “richtigen” Analogpult zur Verfügung hätte. Die Sends sind zwischen Pre- und Post schaltbar und lassen sich über die Returns dem Mix zuführen.

Neben dem schon aus Reason bekannten RV-7000 Reverb findet man in Record ebenfalls gängige Delay- und Modulationseffekte. Bei den Inserteffekten wie Regelverstärkern, Dynamics oder Ampsimulatoren zeigt sich ein ähnlich aufgeräumtes Bild. Viele der Dynamics-und Distortion-Effekte sind vielleicht schon aus Reason bekannt, sowie die Ampsimulatoren von Line 6.

 

Optisch erinnern sowohl Guitar- wie auch Bass-Amp an die Line 6 Rackgeräte. Beim Guitaramp gibt es die drei Hauptgeschmacksrichtungen Fender Twin, Marshall Plexi und Dual Rectifier plus entsprechender Lautsprecherboxen, während sich die Bassisten mit zwei Ampegsounds begnügen müssen, dem bekannten SVT-Sound und dem Sound eines Flip Top-Combos. Verfügt man hingegen über ein entsprechendes Line 6 Interface, lassen sich auch weitere Verstärker- und Preampmodelle in Record nutzen. Schön finde ich, das im Arrangekanal integrierbare Stimmgerät, diese Idee gefällt mir sehr gut.

 

Kommen wir nun zum Mischpult in Record. Nach Angaben von Propellerhead stand beim Design des Record-Mischers eine SSL 9000 K Pate, und rein von der Optik her fühle ich mich beim Drübersehen wirklich an das Schlachtschiff aus dem Hause des Traditionsherstellers erinnert. Das man natürlich für unter 300 Euro nicht den Sound aus einem analogen High End-Pult bekommt, ist eigentlich selbstredend, mal abgesehen von Inline-Funktionalität oder Floating Busses, was Record nicht bieten kann. Was aber wie auf einem Analogpult funktioniert, ist das Handling der einzelnen Kanäle. Ganz zu Anfang der Signalkette liegt die Gain-Stufe, mit der sich Pegel richtig einstellen lassen. Jeder Kanalzug verfügt über eine Dynamikabteilung mit Compressor, Gate und Expander plus Sidechain-Input. für den Compressor. Die Inserts lassen sich, ebenfalls wie von der großen Analogen gewohnt, entweder vor oder hinter die Dynamics-Section schalten, je nachdem, welchem Anwendungszweck man folgt. Auch der EQ lässt Erinnerungen an die alten Analogtage aufkommen, denn neben dem vierbandigen EQ mit zwei paramterischen Mittenbändern und semiparametrischem Höhen- und Bassbereich sind ein Hi- und ein Lowpass-Filter in jedem Kanalzug vorhanden. Ganz unten, wieder wie bekannt, finden sich dann Kanalfader, Pan-Pot, Solo-und Mute-Button sowie eine Pegelanzeige. Zur besseren Übersicht lassen sich bestimmte Elemente des Mischers ein- und ausblenden, so dass man das, was man sieht, jederzeit auf den gerade angesagten Bedarf anpassen kann.

 

Für eine Mischsession kann man so alle Elemente des Mischers nutzen, während einem bei der Aufnahme vielleicht nur die Pegelsteller reichen, um die abzuhörenden Signale zu kontrollieren. Um das Thema Mischpult abzuschließen bekommt Record dann noch einen Bus-Compressor spendiert, der sehr effektiv arbeitet und schön Sound “macht”.

 

Für alle, die nicht unbedingt den vollen Reason-Umfang an Samplern, Synthies und Drummachines benötigen hält Record den ID-8 bereit, sozusagen die Record-Variante des ROMplers, der viele Brot- und Buttersounds enthält, die man so brauchen könnte. Nichts zu spezielles, aber auch nicht zu verachten. Record “spricht” mit anderen Programmen über Rewire und lässt sich so als Slave an andere DAWs andocken. Das Prozedere ist eigentlich immer das gleiche: erst den Host öffnen, dann Record und dann die Signale aus Record über Rewire-Inputs zurückführen.

 

Kommen wir nun aber zu einer Sache, die für viel Diskussions- wie auch Zündstoff gesorgt hat: Record ist ein in sich abgeschlossenes System, das sich nicht über Plug-ins von Drittanbietern auf keiner Plattform, also weder VST, Audio Unit oder was auch immer, erweitern lässt. Für den ein oder anderen mag das nicht tragisch sein, denn Record ist schon ziemlich komplett ausgestattet, andere DAWs sind dies aber auch. Propellerhead argumentiert hier zu Gunsten einer ganzheitlichen Benutzeroberfläche, eines besseren Workflows und führt Performance und Stabilität ins Feld. Kann man verstehen oder aber auch nicht.

Das Fehlen einer Plug-in-Schnittstelle sollte auf jeden Fall bei der Kaufentscheidung mit in Betracht gezogen werden, damit es im Nachgang keine bösen Überraschungen gibt. Ein Hintertürchen gibt es allerdings, wenn man zum Beispiel ein hochwertiges Plug-ins mit Record nutzen möchte. Dazu braucht man allerdings einen Sequenzer, an den sich Record als Rewire-Slave andocken kann. Dann einfach die Signale aus Record rausführen und von den Kanalzügen des Hosts weiterverarbeiten. Sollte auf jeden Fall für Send-Effekte wie Hall und Delay funktionieren und auch bei Regelverstärkern, wenn man in Record keine Automationen fährt.

Fazit:

Die Erweiterbarkeit eines Systems war für mich immer das A und O und der Grund dafür, weshalb ich irgendwann mal mein Studio auf Computerbasis gestellt habe. Zwar ist Record wirklich komplett ausgestattet, aber man braucht kein Prophet zu sein, um zu wissen, dass es immer Spezialisten geben wird, die die DAW-eigenen Plug-ins locker ausstechen können. Wer also schon eine ausgesprochen umfangreiche Plug-in-Sammlung auf dem Rechner hat, für den wird Record schwerlich ein Thema sein. Für Nutzer, die im Moment Logic, Cubase oder Live im Einsatz haben, wird Record auch keine Alternative darstellen.

Positiv fallen das einfache Handling und die einleuchtende Bedienung auf, man kann eigentlich ohne größere Konfigurationen und Einstellungen gleich loslegen. Für die Bedienoberfläche spricht auf jeden Fall, dass man, wenn man Grundkenntnisse im Signalfluss hat, diese auf jeden Fall auf Record anwenden kann. Wer also schon mal vor einem Mischpult gesessen hat, sollte keine Probleme haben, sich in Record zurecht zu finden.

 

Record macht genau das, was ich an Analogpulten noch immer schätze: man weiß einfach, wo man hinlangen muss. Man braucht wirklich nur extrem kurze Zeit, bis erste Ergebnisse vorliegen.

 

Die Benutzeroberfläche ist “stromlinienförmig” gestaltet, hier hat Propellerhead alles richtig gemacht. Trotzdem, die Abgeschlosseneheit des Systems, bzw. die fehlende Plug-in-Schnittstelle stört mich doch sehr.

Ich glaube, Record ist wirklich für all diejenigen Musiker interessant, für die auch ein Standalone Harddisc-Recorder in Frage käme. Die also wirklich Mehrspuraufnahmen und -mischungen mit möglichst wenig Aufwand realisieren möchten, denen aber der Schritt zu herkömmlichen DAWs als nicht lohnend oder zu kompliziert/zeitaufwendig erscheint.

 

Wer den Computer bisher gescheut hat und auf anderen Medien aufgezeichnet hat, der dürfte mit Record ein ansprechendes Programm finden, mit dem man schnell und ohne Umwege arbeiten kann.

 

Auf Grund der Preisgestaltung wird Record natürlich auch für alle Reason-Nutzer interessant sein, denn diese erhalten die Möglichkeit, Record zu einem günstigen Kurs zu erwerben.

 

Heiko Wallauer

 

Systemvorraussetzungen Mac OS X

 

Mac mit Intel-Prozessor

1 GB RAM

2 GB freier Festpalttenplatz

Mac OS X 10.4 oder besser

DVD drive

Core Audio-kompatibles Audio-Interface

 

Systemvorraussetzungen Windows

 

Intel P4 / AMD Athlon XP at 2 GHz. oderr besser

1 GB RAM

2 GB freier Festpalttenplatz

Windows XP (SP2), Vista or neuer

DVD drive

ASIO-kompatibles Audio-Interface

 

Preise

 

Record 1.5: 279 Euro

Record for Reason Owners: 149 Euro

Record Reason Duo: 405 Euro

 

 

Schreibe einen Kommentar