Test: Avid Pro Tools 9

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Das war eine Nummer, als Avid quasi über Nacht Pro Tools 9 ankündigte – schließlich bricht man mit dieser Version mit den eigenen Regeln, denn Pro Tools 9 läuft nun erstmals ohne eigene Avid-Hardware auch mit Audio-Interfaces von Drittanbietern. Was Anwender jahrelang nicht zu träumen wagten, wird mit Pro Tools 9 Realität. In der Vergangenheit war die Formel ganz einfach: Pro Tools-Software benötigt immer auch eine passende Hardwareschnittstelle aus gleichem Hause, egal ob HD, LE oder M-Powered, die Hardware fungierte also noch mal als zusätzlicher Dongle.

Die Vorteile von gekoppelter Hard- und Software sind die exakte Abstimmung beider Komponenten aufeinander, die dem Benutzer im optimalen Fall eine sehr gute Performance liefern. Der Nachteil liegt aber ebenso klar auf der Hand, denn ohne weiteres lässt sich natürlich kein neues Interface , z. B. mit mehr Inputs und Outputs, anschaffen, man ist immer darauf angewiesen, dass Avid das Passende im Portfolio hat. Auch wer mobil mit Laptop, z. B. im Zugabteil, einfach mal in eine Session reinhören wollte, hatte bis dato schlechte Karten, war doch die Benutzung der internen Ein- und Ausgänge einfach nicht möglich.
Mit Pro Tools 9 öffnet Avid seine Plattform und gibt die Hardwarebindung auf. Pro Tools unterstützt nun auch Core Audio- und Asio-Treiber.
Der Ein oder Andere mag nun fragen, ob Avid mit diesem Schritt nicht seine DSP-basierten TDM-Systeme obsolet macht. Ich finde nicht. Warum? Die 0.44 ms Latenz bei 96 kHz, die Pro Tools HD liefert, ist ein ungeschlagen guter Wert. Zwar ist ein rechnerisch erreichbarer Wert von 1 ms Latenz für ein HD Native System im Low Latency-Modus auch sehr gut und praxistauglich, aber wie immer ist dies die beste Performance, welche das System liefern kann und welche mit Zunahme von Spuren und Plug-ins immer weiter verschwimmt. Die 0.44 ms Latenz beim DSP-System hat man jedoch als fixen Wert.
Wenn ich im heimischen Musikzimmer eine Gitarrenspur aufnehme, kann ich mich auch mit den Latenzen einer Mbox arrangieren, zumal man eben auch Direct Monitoring Features zur Verfügung hat, für eine Aufnahme mit großer Besetzung im Studio hat ein Pro Tools HD-System aber Vorteile, die man nicht wegdiskutieren kann. Wenn man nur mal eine Schlagzeugaufnahme mit mehreren Tracks in der Computerbox macht und dem Schlagzeuger den Monitormix aus dem Rechner liefern muss, vielleicht noch mit Kompression auf den Kesseln und Gated Reverb auf der Snare, können Latenzen schon zum Problem werden.
Installation & Autorisation
Avid bietet unterschiedliche Pakete an, abhängig davon, ob man schon eine Pro Tools-Version sein eigen nennt, ob man Avid-Hardware mit erwirbt, oder ob man Pro Tools 9 ohne Hardware kaufen möchte. Diese unterscheiden sich preislich, hier sollte also jeder selbst schauen, welches Angebot das richtige ist.
Ich aktualisiere eine Pro Tools LE-Lizenz von Version 8 auf Version 9 unter Mac OS X.
Zunächst deinstalliere ich die 8er-Version, um dann bei mir die 9er aufzuspielen. Dass nimmt einiges an Zeit in Anspruch, ca. 45 Minuten und 5 GB freier Festplattenspeicher werden hier fällig. Pro Tools 9 setzt zwingend Mac OS X 10.6 Snow Leopard voraus.
Avid bietet nun nur noch einen Installer an, der zu wissen scheint, was er installieren muss.
Systemvoraussetzungen
Betriebssystemseitig muss man also bei OS X auf 10.6.2 und bei Windows auf Windows 7 sein. Bei den Rechnern wird ein von Avid qualifizierter Computer empfohlen. Das bedeutet, dass diese Rechner von Avid für die Verwendung mit Pro Tools getestet wurden und bei Problemen mit diesen Konfigurationen auch Support geleistet wird. Heißt aber natürlich nicht, dass Pro Tools nicht auch auf anderen Maschinen funktioniert.
Die Autorisation läuft über den iLok-Dongle, der nicht zum Lieferumfang gehört. Zunächst logge ich mich in meinen bereits bestehenden Avid-Account ein, da ich bereits über eine gültige Pro Tools-Lizenz verfüge. Eine passende Seriennummer befindet sich in der Verpackung. Mit dieser kann man sich eine Lizenz auf den eigenen iLok-Account transferieren und von dort auf den iLok herunterladen.
Wer jetzt schon darüber nachdachte, seine MBox auf ebay zu Bargeld zu machen, dem sei an dieser Stelle davon abgeraten, denn bei der Autorisation wurde bei mir die Seriennummer der Avid-Hardware abgefragt.
Erster Start
Gehen wir gleich aufs Ganze, ziehen die MBox 3 ab und verbinden ein Edirol FA66 und ein USB-Headset (welches unter Core Audio auch als I/O-Device erkannt wird und auf die generischen Appletreiber zurückgreift) mit dem Rechner. Zusätzlich läuft bei mir noch Soundflower, was ich ab und an für Screencaptures benötige.
Zunächst überprüft Pro Tools alle installierten RTAS-Plug ins und weist auf etwaige Konflikte hin, bei mir z. B. abgelaufene Demo-Lizenzen. Diese kann ich nun auf Wunsch auf eine Liste unbenutzter Plug-ins stellen, so dass diese nicht bei jedem Neustart auffällig werden.
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Jetzt ein Audiofile ins Arrangement gezogen und … Pro Tools gibt den Sound über die integrierten Lautsprecher meines Macs wieder! Unter dem Menüpunkt Playback Engine …
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… finden sich nun auch alle angeschlossenen Core Audio-Geräte und ich stelle auf das Edirol FA66 um.
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Ganz ehrlich, ich hätte nicht erwartet, dass dies so problemlos von der Hand geht! Wechselt man in einer laufenden Session die Audiointerfaces munter durcheinander, schließt und öffnet Pro Tools jeweils die Session, was aber durchaus zu verschmerzen ist. Dauert in etwa genau so lange wie Logic braucht, wenn man dort im laufenden Betrieb das Interface wechselt.
Die Möglichkeit, unterschiedliche Interfaces nutzen zu können finde ich persönlich sehr stark, nicht nur unter dem Gesichtspunkt, dass man nun auf Avid-Hardware verzichten könnte. Dieses Argument finde ich gar nicht so ausschlaggebend, denn wie ich im Test zur Mbox 3 feststellen konnte, haben die Wandler der neuen Mboxen einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht und spielen in der ersten Reihe mit. Trotzdem, einige Preamps verfügen z. B. über eine USB-Schnittstelle, wie der Line 6 Pod HD500. Da macht es natürlich Sinn, bei der Aufnahme gleich auf eben diese zurück zu greifen, statt das Gitarrensignal viermal zu wandeln.
Wer unterwegs mit dem Laptop arbeitet wird es begrüßen, nun Spuren und Aufnahmen direkt aus den integrierten Ausgängen des Rechners abhören zu können, ohne ein zusätzliches Interface an den Start bringen zu müssen. Ich hatte mir in der Vergangenheit für solche Fälle ein kleines M-Audio-Interface zugelegt, schließlich braucht man für das Sichten von Takes und Schneiden von Vocals kein HD-Rig in der vollen Ausbaustufe. Trotzdem ging dieses zusätzliche Interface, welches über den USB-Bus mit Strom versorgt wurde, natürlich auf die Laufzeit des Akkus. Mit Pro Tools 9 braucht man mobil lediglich noch den USB-Dongle und ein Paar Kopfhörer, und schon ist man für Editsessions startklar.
An der Oberfläche von Pro Tools 9 hat sich zunächst mal nicht so viel getan und auch die Plug-in Auswahl scheint mir erst mal mit der von Pro Tools 8 identisch, weshalb ich an dieser Stelle auf den Mbox 3-Test verweise.
Unter der Haube hat Pro Tools 9 aber kräftig zugelegt: nun werden bis zu 96 Audiospuren unterstützt, dazu gibt es dann 64 Tracks für virtuelle Instrumente, 512 Midispuren, 160 Aux-Spuren eine Videospur sowie 256 Busse. Mit dem Complete Production Toolkit lässt sich dies auch noch weiter aufbohren, der angegebene Umfang erscheint aber schon mal mehr als ausreichend.
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Auch der MP3-Export, der in der Vergangenheit immer kostenpflichtig dazu gekauft werden musste, ist nun in Pro Tools 9 enthalten, ebenso wie sehr viele Features aus dem DV Toolkit wie etwa Import und Export von OMF-Files.
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Leider kann Pro Tools 9 immer noch keinen Offline-Bounce, was ich etwas nervig finde, da die Files immer noch in Realtime heruntergerechnet werden. Dass heißt, ist ein Musikstück sieben oder acht Minuten lang, was zum Beispiel bei Prog-Bands durchaus der Fall sein kann, steht die Arbeit für genau diese Zeit. Hier hätte ich mit gewünscht, dass Avid zu den Mitbewerbern aufschließt.
Bei vielen Nutzern ganz oben auf der Wunschliste war ein automatischer Delay-Ausgleich auf nativer Ebene, den Avid nun mit dem Delay Compensation-Feature liefert.
Einige werden dieses Problem bei nativen Systemen bestimmt kennen: immer mehr Tracks, Effekte und Instrumente kommen im Arrangement hinzu, und auch die Inserts füllen sich Slot um Slot und irgendwann ist man an dem Punkt, an dem der Song timingmäßig auseinanderzulaufen scheint. Grund dafür ist, dass die native Host CPU unterschiedlich lange zur Berechnung einzelner Spuren braucht. Ohne Delaykompensation kann man nur Pi mal Daumen die Spuren so im Samplebereich verschieben, bis es wieder passt. Pro Tools 9 hat diese Frickelarbeit automatisiert, verfügt in der neuen Version nun über eine Delay Compensation Engine, die einem diese Arbeit abnimmt.
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Pro Tools 9 zwackt hierfür dem System Ressourcen ab, welche sich nur um die Delay Compensation kümmern, hier können wir zwischen drei Einstellungen wählen: None, Short und Long. Erstere lässt die ADC außen vor, Short eignet sich für kleinere Sessions, während Long immer dann angesagt ist, wenn man große Sessions mit vielen Tracks und Plug-ins am Laufen hat. Im Mixer werden die Werte für einzelne Tracks in einem eigenen Abschnitt visualisiert.
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Hier sieht man, wie viel Delay ein Track produziert und mit welchen Werten Pro Tools den Ausgleich vornimmt. Zusätzlich lässt sich noch manuell ein Offsetwert einstellen, falls dies mal nötig werden sollte.
Wer viel mit Parallelkompression arbeitet, zum Beispiel auf den Drums, der wird dieses Feature sehr schnell schätzen lernen, gibt es doch nichts schlimmeres als ein Drumkit, welches zwar hochverdichtet ist, aber ohne ADC tightnessmäßig ins Schlingern gerät.
Ein kleines, nettes Feature ist das Handling von Aux-Channels, die sich in Pro Tools 9 einfacher generieren lassen als noch in den Vorgängerversionen.
Weiterhin hat sich in Pro Tools 9 nun der Support für das EuCon-Protokoll eingeschlichen, was nicht verwundert, hat Avid doch vor einiger Zeit Euphonix übernommen. Da macht es natürlich Sinn, die Euphonix-Bedienoberflächen gleich in Pro Tools mit einzubinden.
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Beat Detective
Was früher ohne HD-System nur für eine Spur ging, ist jetzt auch für Multitracks zu haben: Beat Detective, Avids eigenes Tool zur Timingkorrektur. So wird natürlich das Verbessern etwas holpriger Schlagzeugspuren zum Kinderspiel. Jedoch empfiehlt es sich den Beat Detective gleich nach der Schlagzeugaufnahme anzuwenden, und nicht erst noch die restliche Band einspielen zu lassen, um erst dann das ganze Arrangement grade zu ziehen.
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Im Prinzip arbeitet der Beat Detective mit einer Transientenerkennung, welche das Audiomaterial analysiert. Die gängiste Methode ist dann das Audiofile auf Basis dieser Analyse in einzelne Regions zu zerteilen. Die so erzeugten Regions lassen sich dann zum Tempo der Session quantisieren. Um den Beat dann noch schick zu machen, gibt es die Funktion Edit Smmothing, mit der sich Knackser und ähnliche Unebenheiten bereinigen lassen.
Timingkorrektur ist aber natürlich nur die halbe Miete des Beat Detective, wenn auch die offensichtlichste und meist genutzte. Darüber hinaus lassen sich aber auch Groove Templates extrahieren, abspeichern und auf andere Beats anwenden. Genauso kann man Loops choppen oder den Beat Detective für Remixes einsetzen. Auch interessant ist es, den Beat Detective mal mit Gitarren oder Bässen zu probieren, auch dies bringt teilweise sehr gute Ergebnisse.
Performanceseitig kommt auch mein betagter und offiziell von Avid nicht unterstützter Mac zu Hause noch recht gut mit. Die auf der Pro Tools-DVD enthaltene und recht umfangreiche, Demosession bringt ihn zwar an die Grenzen des machbaren, aber auch wenn System Usage eine CPU-Auslastung von 70-80 Prozent vermeldet arbeitet das Programm stabil.
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Fazit
Das Avid für Pro Tools 9 immer noch keinen Offline-Bounce anbietet ist irgendwie hinten dran. Da kann ich ja gleich wieder den guten alten CD-Recorder auspacken, um die Mischungen da drauf zu jagen. Hier sollte man in Zukunft noch mal nachlegen. Vielleicht nicht wichtig, wenn man nur Songs um 3:30 mischt, wer allerdings öfter mal in die Verlegenheit kommt und mit komplexerem, längerem Material arbeitet oder Konzertmitschnitte „am Stück“ herausgeben möchte, hat keine wahre Freude am Rendern in Echtzeit. Wenn ich einen Konzertmitschnitt anfertige, dann gebe ich den zum Sichten an die Band „am Stück“ raus, mit etwas Equing und Kompression aufgehübscht. Da Konzerte in der Regel zwischen 45 Minuten und 2 Stunden laufen, kann Pro Tools hier zum echten Geduldsspiel werden.
Mit der automatischen Delay-Kompensation liefert Avid ein wichtiges Feature, welches auch die nativen Pro Tools-Versionen in die Jetztzeit holt. Dass Avid nun die Hardwarebindung an die eigenen Audio-Interfaces aufgibt und Core Audio- und Asio-Treiber unterstützt ist aus Sicht der Pro Tools User sehr zu begrüßen, lässt sich die Software doch nun viel flexibler auf die eigenen Wünsche und Bedürfnisse anpassen. Hatte man in der Vergangenheit z. B. nur eine kleine Mbox mit 2 Ein- und Ausgängen, wollte aber 12 Spuren Schlagzeug über ein anderes Interface aufnehmen, musste man sich immer damit behelfen, dies in einer anderen DAW zu machen um die Spuren dann zum Mix in Pro Tools zu ziehen. Solche Art Workarounds entfallen nun.
In der Praxis finde ich Pro Tools 9 stabiler als die 8er-Version, die bei mir vor allem am Anfang sehr viel Geschraube erforderte und immer mal wieder gerne DAE-Errors meldete. Mit Pro Tools 9 bekam ich wieder dieses Gefühl zurück: Software installieren, einige Avid-konforme Settings vornehmen und ein Programm benutzen, welches stabil seinen Dienst verrichtet.
Auch wenn Pro Tools 9 nicht den Feature-Overkill liefert, den sich mancher User immer gerne mit einem Update wünscht, sind die Neuerungen doch durchdacht und wichtig. Ich finde ADC, den Multitrack Beat Detective, das verbesserte Bus-Routing und die Freiheit bei der Interface-Wahl wichtiger als noch einen Kompressor mehr bei den Plug-ins.
Wer auf Pro Tools 8 ist, sollte das Update auf jeden Fall ins Auge fassen, alle Pro Tools-Neulinge dürfen sich über die Öffnung von Avid hin zu Asio und Core Audio freuen. Beim Test der Mbox 3 hatte ich unter Abwägung aller Umstände dem Paket eine „1“ gegeben. Hätte ich damals schon Pro Tools 9 gehabt, wäre es ein Redaktionstipp geworden. So wie jetzt eben Pro Tools 9 im Alleingang unseren Award einfährt.
Heiko Wallauer
Systemvoraussetzungen Mac OS X

  • Mac OS X 10.6.2
  • Empfohlen: Ein von Avid qualifizierter Computer
  • 5 GB freier Festplattenspeicher
  • iLok-Kopierschutz

Systemvoraussetzungen Windows

  • Windows 7
  • Empfohlen: Ein von Avid qualifizierter Computer
  • 5 GB freier Festplattenspeicher
  • iLok-Kopierschutz

Preis

  • 499 Euro

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