Test: Native Instruments Vintage Organs

Vor nicht all zu langer Zeit hat man bei Native Instruments das komplette Portfolio an Plug-ins und Instrumenten einer gründlichen Überarbeitung unterzogen. Da erschien es zunächst mal als Schock, dass die liebgewonnene virtuelle Orgel B4 II nicht mehr im Angebot auftauchte. Dieser Zustand versprach Besserung, als man in Berlin die Vintage Organs ankündigte, sollte dieses Komplete-Intstrument doch eine reichhaltige Auswahl für den Orgel-Connoisseur bieten. Wir haben uns das im Detail angesehen.

Wenn es bei Plug-ins schon so etwas wie Klassiker gibt, dann gehört NIs B4 II bestimmt dazu, rückte dieses Plug-in die Berliner Software-Schmiede doch auch bei Nicht-Elektroniktüftlern in den Fokus der Wahrnehmung. Das ausgerechnet die gute alte Tonewheel-Orgel eine digitale Umsetzung fand, ist dabei nicht sonderlich abwegig, schließlich ist dies genau das Instrument, was auch nach Jahrzehnten immer noch klassische und unverwechselbare Sounds liefert. So charakteristisch aber eine echte Hammondorgel auch klingt, so ist dieses Instrument doch ein logistisches Monstrum, wenn es transportiert werden soll.
Ich hatte schon öfter das Vergnügen, mit echten Hammonds (inklusive Leslie-Cabs) im Studio zu arbeiten, was regelmäßig Flüche und Verwünschungen mit sich brachte, wenn es darum ging, die Teile ohne Aufzug über Treppen zu transportieren. Was im Studio vielleicht noch akzeptabel ist, wird spätestens im Tourbetrieb zum Stressfaktor für die Backliner. Da sollte man es sich also lieber zweimal Überlegen, ob man bei einer Deep Purple- oder ELP-Coverband anheuert. Um einiges handlicher ist da natürlich ein Plug-in wie Vintage Organs.
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Vintage Organs beinhaltet Samples von fünf bekannten Orgeln, deren Sounds allesamt Geschichte geschrieben haben – allen voran die elektromechanischen Hammondmodelle B3 und C3. Während letztere für Festinstallationen gedacht war, sollte die B3 eine Alternative für Studio und Bühne sein. Technisch anders geartet ist die M3 von Hammond, gehört sie in der Familie der Hammonds doch zu den Spinettmodellen, denen die Harmonic Foldback-Funktion fehlt.
Eine ganz andere Baustelle ist die auf Transistoren basierende Vox Continental, welche es ebenfalls in die Vintage Organs-Collection geschafft hat. Hier werden die Klänge nicht auf eletromechanischem Weg generiert; sie resultieren auf einer transistorbasierten Filterschaltung. Der Vorteil liegt in der Praxis natürlich darin, dass diese Instrumente um einiges kompakter zu bauen sind als die Hammonds, weshalb man diesen Typ auch gerne als Combo-Orgel bezeichnet. Typische Sounds für die Vox Continental finden sich bei The Doors oder den Animals (mal wieder den alten Gassenhauer House Of The Rising Sun drauftun). Für Vintage Organs wurde eine zweimanualige Vox Continental II gesampelt.
Auch die gute alte Farfisa-Orgel erhält eine neue Würdigung von Native Instruments. In den Sechzigern nochmals als günstige Alternative zur Vox Contiental eingeführt, produzieren diese italienischen Orgeln doch einen sehr speziellen Klang, den ich sehr schätze. John Paul Jones von Led Zeppelin benutzte eine Farfisa und auch Richard Wright drückte dem Pink Floyd-Sound in den Anfangstagen seinen charakteristischen Stempel auf, hier ist Live in Pompeji eine klare Empfehlung. Der Sound ist so einprägsam, dass er die Farfisa für seine Arbeit auf den letzen Solo-Tourneen von David Gilmour wieder auspackte und vor allem bei Echoes wieder eindrucksvoll zu Gehör brachte.
Installation und Autorisation
Den Download bekommt man von Native Instruments. Für die Mac-Version werden 1,7 GB an Daten fällig. Nach der Installation startet man entweder Kontakt oder den Kontakt 4 Player: Um das Instrument zu aktiveren betätigt man den Activate-Button und schon startet sich das NI Service Center. Hier lässt sich mit gültiger Seriennummer das Komplete Instrument autorisieren.
Interface
Das Interface gliedert sich bei den Vintage Organs in vier Teile:

  1. Model Page
  2. Organ Page
  3. Amp Page und
  4. Settings Page

Auf der Model Page erhalten wir eine stimmige, fotorealistische Darstellung des gerade gewählten Orgelmodells, ansonsten passiert hier nichts. Trotzdem finde ich es bemerkenswert, dass man sich bei Native Instruments so viel Mühe gemacht hat und die Instrumente so liebevoll abbildet – inklsive dem getigerten Fellunterleger bei der Vox.
Differenzierter wird es dann auf der Organ Page, diese stellt die charakteristischen Kontrollelemente der Modelle bereit.
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Die B3 und C3 sind technisch identisch und teilen sich ein Interface. Hier findet man in der oberen Hälfte jeweils zwei Gruppen Drawbars mit jeweils neun Zugriegeln für Upper Manual und Lower Manual.
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Rotator schaltet die Geschwindigkeit des Rotator-Effkets zwischen Slow und Fast um. Dies lässt sich auch über das Modwheel kontrollieren. Vibrato kann man für Upper und Lower Manual jeweils separat zuschalten während der V-C-Selector unterschiedliche Charakteristika schaltet, die sich in Stil und Depth unterscheiden.
Presets dagegen wirkt auf alle Parameter gleichsam und schaltet zwischen zwölf unterschiedlichen Voreinstellungen.
Mit Percussion kriegen wir den für die Hammond B3 charakteristischen Ton-Click hin, der sich insgesamt in vier Parametern regeln lässt:

  1. Percussion on/off
  2. Percus Volume Normal/Soft
  3. Percus Decay Slow/Fast und
  4. Percus Harmon Second/Third

Mit dem Swell Slider wird ein Volumepedal simuliert, welches hier auf MIDI Controller 11 liegt und per Fuß mit einem entsprechenden Expressionpedal gesteuert werden kann.
Mit dem Pedal Button lässt sich in der Ansicht zwischen den Zugriegeln für Lower Manual und dem Pedal hin- und herschalten, denn dieser Bereich verfügt über zwei Zugriegel.
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Die Einstellmöglichkeiten für die M3 gleichen in vielerlei Hinsicht denen von B3 und C3. Signifikante Unterschiede finden sich bei den Zugriegeln.
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Anders sieht es da schon bei der Vox Continental aus. Zwar verfügt auch diese über Zugriegel für Upper Manual und Lower Manual, diese sind aber nur sechs an der Zahl pro Manual und teilen sich in zwei Klassen. Die zwei schwarzen Zugriegel wirken auf die Pegel der beiden Oszillatoren, während man an den weißen Zugriegeln den Anteil der Harmonischen einstellt.
Das Vibrato lässt sich hier nur on und off schalten, während man mit Bass den Pegel der untersten Oktave zuregelt. Auch bei der Continental lässt sich wieder der Pegel über den Swell-Slider regeln.
Im Gegensatz zu den Vox- und Hammondorgeln verfügt die Farfisa über keine Zugriegel, hier passiert die Einstellung über Schalter. Mit dem Multi Tone Booster auf On regelt man die grünen Buttons auf der linken Seite, während Off auf die grauen umschaltet.
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Im Gegensatz zu den anderen Orgeln hat die Farfisa schon einen integrierten Reverb, welcher zwischen Medium/Long und On/Off schaltbar ist. Wie schon bei der Vox-Orgel lässt sich auch hier der Pegel der untersten Oktave zuregeln.
Auch die Farfisa-Simulation hat einen Preset-Knopf, über welchen sich zwölf Voreinstellungen abrufen lassen, ebenso haben wir wieder den Swell-Slider mit an Bord.
Mit den Organ Controls kann man seine Orgeln mit Attack , Velocity und Release feintunen und so bestimmen, wie die Vintage Organs auf Dateneingabe per MIDI reagieren sollen.
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Die Tube Amplifier Section beschreibt mit ihren Parametern einen Röhren(vor)verstärker, verfügt über einen dreibandigen EQ, Toneregler und Drive und lässt sich zwischen Vintage und Modern schalten. Vintage liefert einen weicheren Sound, während die Modernstellung ein verzerrteres Klangbild generiert.
Rotor nimmt Einfluss auf den Rotary-Effekt. Diese Sektion lässt sich nicht nur in der Geschwindigkeit beeinflussen, sondern auch im Verhältnis zwischen Bass- und Treblespeaker.
Hinter dem Rotor sitzt dann der Cabinetsimulator, der unterschiedliche Lautsprecher mit verschiedenen Charakteristiken anbietet, aber bei Bedarf auch ein DI-Signal liefert. Besonders gängig dürften noch die Leslie-Cabinets sein – aber auch die eine oder andere Gitarrenbox wird angeboten. Mit AIR hat man noch einen Parameter an der Hand, der Einfluss auf den Abstand der virtuellen Mikrofone zum Lautsprecher nimmt. Hier gilt die Regel: Je mehr AIR, desto weiter ist das Mikrofon vom Lautsprecher weg.
Am Ende der Effektkette liegt dann die Reverbsektion, die ebenfalls vintagemäßig ausgerichtet ist und mit Plate und Spring entsprechende Typen bietet. Viel zu regeln gibt es bei dieser Art der Reverbs natürlich nicht, und so beschränkt man sich hier auch auf Long und Short sowie den Pegel der verhallten Signals.
Über die Settings-Page lässt sich detailliert festlegen, wie mit unterschiedlichen Controllern umzugehen ist, und was Mod Wheel, Pitchbend, Sustain Pedal und Aftertouch kontrollieren sollen. Um das Kontrollfest komplett zu machen, bekommen wir noch die Möglichkeit, mit den Drawbar Options das Verhalten der Zugriegel anzupassen. Die Manuals lassen sich ebenfalls editieren, je nachdem, ob man mit Keysplit arbeitet oder mit unterschiedlichen Midikanälen Pedal, Lower Manual und Upper Manual ansteuert.
Ein Problem bleibt noch bestehen: Wie machen die Programmierer ein mehrmanualiges Instrument spielbar, wenn man im Vorfeld nicht wissen kann, über welche Eingabemöglichkeiten der Musiker verfügt? Die Vintage Organs bieten mehrere Optionen. Zum einen lassen sich die Orgeln mit einer Tastatur per Keysplit spielen, man kann aber auch MIDI Split verwenden und so Upper Manual, Lower Manual und die Pedale mit jeweils eigenen Eingabegeräten ansprechen. Zusätzlich kann man bestimmen, dass etwa nur das Upper Manual oder Lower Manual angesprochen werden soll.

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Fazit
Die Vintage Organs stellen detailreiche und liebevolle Interpretationen klassischer Orgelsounds dar. Die Umsetzung kann man nur als gelungen bezeichnen und das sowohl klanglich, als auch vom Handling her. Dass Native Instruments nicht nur die großen Hammondsounds anbietet, zeugt von Geschmack, denn gerade die Sounds der Vox Continental und ganz besonders der Farfisa Orgel finde ich stilbildend. Als Pink Floyd-Fan muss ich die Farfisa mit ihrem ganz eignen Charakter besonders herausstellen.
Native Instruments landeten schon mit der B4 II einen echten Volltreffer. Diese Legende setzt sich mit den Vintage Organs fort.
Heiko Wallauer
Systemvorraussetzungen

  • KONTAKT 4 PLAYER (Version 4.0.4) oder KONTAKT 4.0.4
  • 1,7 GB freier Festplattenspeicher

Preis

  • 99 Euro

Webseite

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