Test: Native Instruments Guitar Rig 4

Mit Guitar Rig 4 stellen die Berliner Softwarespezialisten Native Instruments eine komplett runderneuerte Version ihres Amp-Plug-ins vor. Mit dem Slogan „The Ampire Strikes Back!“  trifft man es schon sehr gut auf den Punkt, denn Guitar Rig 4 bietet neben netten neuen Amps und Effekten einige Überraschungen unter der Haube. Herausragend ist das neue Control Room-Feature, welches das virtuelle Gitarrenstudio auf ein neues Level bringt.

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Gitarren-Amps
Die Guitar Rig-Klassiker, die man schon aus der 3er-Version kannte und schätzen gelernt hat, sind alle wieder mit an Bord, aber zusätzlich bietet die 4er-Version noch zwei, später drei neue Amp-Modelle. G
uitar Rig setzte schon immer mehr auf Klasse denn auf Masse, und so gibt es längst nicht den Varianten-Overkill anderer Modelling-Programme.

Gratifier und Ultrasonic bedienen die Abteilung „moderner Highgain-Amp“, während Plex und Lead 800 was für die britische Rockabteilung ist.
Britisch bleibt es auch mit High White und Citrus, beides Amp-Modelle mit mächtig virtuellem Headroom.
Der AC Box gehört für mich zu den besten gemodelten AC30-Clones auf dem Markt, da hat man sich bei NI eines der besten Vorbilder gegriffen.
Twang Reverb, Tweedman und Tweed Delight bedienen die kalifornische Fender-Abteilung wobei die beiden Tweed-Modelle sich sehr gut für Sounds zwischen Clean und Crunch eignen, der Twang Reverb ist dagegen um einiges flexibler und kann sowohl cleane Surf-Sounds, crunchige Rhythmusgitarren wie auch rauchige Blues-Soli liefern.
Der Jazz Amp kommt aus der Roland JC 120-Ecke, ein Transistor-Amp, der heute getrost auch als Klassiker durchgeht. Das weniger wegen seines Zerrsounds, denn der war gelinde gesagt grausam (der Roland war mein erster Gitarren-Amp). Der Cleansound hatte aber was, warm und klar. Nicht so sparkling wie bei Fender, aber durchaus mit einer wohl tönenden Note. Der eingebaute Chorus tat da sein übriges.
Kommen wir zu den Neuen, dem Hot Plex und dem Jump, beides Plexi-Variationen. Jump, wie erinnern uns:

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1984, Van Halen, Brown Sound und so. Ein wichtiger Bestandteil von Eddie Van Halens Sound war auf den ersten Alben ein 1960 SLP Plexi Head, den er auf seine eigenen Bedürfnisse hin getunt hatte. In Kombination mit seiner Frankenstrat und seinen spielerischen Fähigkeiten resultierte hieraus der berühmte Brown Sound, der Songs wie Ain’t talking ‚bout love, Hot for the teacher oder Panama den typischen Sound aufdrückte. Diesem Klangideal fühlt sich nun der NI Jump verpflichtet, liefert er doch erstklassige 80er-Jahre Hard Rock-Sounds, und auch wenn die Zeiten von Spandexhosen und neonfabenen Gitarren ganz offensichtlich vorbei sind, der Sound hat anscheinend wieder Konjunktur: Apple spendierte dem Amp Designer den Brown Stack und eben jetzt der Jump in GR4. Im Vergleich mit dem Lead 800 klingt der Jump etwas weniger bissig und im Detail runder, mit weniger Ecken und mehr Dynamik.

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Der Hot Plex liegt vom Sound her zwischen Plex und Jump und bedient eher klassische Soundwünsche, welche sich am Plexi orientieren, aber mehr Gainreserven bieten. Der Hot Plex kommt sehr gut mit Single Coil-bestückten Gitarren, er wirkt  wie ein Turbo für die Kombination Strat/Tele und Plexi. Aber auch mit Humbuckern kann der Hot Plex sehr gut, auch wenn der Sound etwas komprimierter aus den Lautsprechern kommt.
Der Cool Plex wird erst mit dem nächsten Update nachgereicht, so dass man im Moment noch keine Aussage darüber treffen kann, wie gut der Amp den klassischen cleanen Plexi-Ton trifft. Schön aber, das Native Instruments nicht nur an Bratgitarren denkt, sondern auch immer wieder subtilere Sounds im Ohr hat.

Mit dem Control Room lassen sich die Pegel acht virtueller Mikrofonsignale und  deren Panning „wie am richtigen Mischpult“ für eine Auswahl von Lautsprecherboxen einstellen.
Im Studio läuft es ja meist so: jemand rutscht im Aufnahmeraum so lange mit den Mikros vorm Lautsprecher rum, bis es Gitarrist, Engineer und Producer in der Regie gefällt. Macht man dies mit mehreren Mikrofonen. läuft man durchaus Gefahr, dass man sich Phasenprobleme einfängt, welche sich mit Zunahme der Mikrofone exponentiell steigern können.

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Statt der gewünschten Gitarrenwand erhält man dann eher einen hohlen Sound aus der Dose. Diese Falltür ist beim Guitar Rig Control Room natürlich schon von vorne weg gesichert, so dass man sich keine Sorgen machen muss. Die Signale haben von Haus aus schon die richtige Phasenlage zueinander. Mit den acht Signalen lassen sich wirklich sehr effizient und ohne großen Zeitaufwand Sounds individuell gestalten. Mit den unterschiedlich simulierten Mikrofontypen kann man auch sehr schnell hören, wer mit wem kann und wer nicht. Wie auf dem echten Mischpult lassen sich die Kanäle auch muten oder Solo schalten, so dass man schnell einzelne Signale einzeln vorhören kann. Als ob dies noch nicht genug wäre, stehen im Control Room unterschiedliche Cabinets zur Auswahl: zwei Vintage-orientierte 4x12er britischer Natur, eine moderne 4x12er, eine amerikanische 2x12er und dann noch 2 britische 2x12er. Die Mikrofonauswahl passt sich dann auf das gewählte Cabinet an.

Matched Cabinets und das Cabinets & Mics-Modul stehen natürlich wie gewohnt auch immer noch parallel zur Verfügung.
Insgesamt 28 unterschiedliche Cabinettypen bietet diese Sektion, angefangen von den typischen 4x12ern, über verschiedene Bass-Cabs hin zu Spezailtiäten wie Rotary-Cabs und einer D.I. Box. Abgesehen von der D.I. Box lassen sich jedem Cab 5 Mikrofontypen zuordnen, welche in fünf Positionen, On Axis, Off Axis, Edge, Far und Back, positioniert werden können. Auch wenn Native Instruments keine Namen nennt, so kann man die simulierten Mikrofone doch recht leicht zuordnen: hier findet man virtuell das Shure SM57, das Sennheiser MD421, mein Liebling Sennheiser e606, das Neumann U87 und etwas, was ich als Neumann CVM-563 mit M7-Kapsel interpretiere. Im Gegensatz zum Control Room, wo ja alles schon passt, kann man hier die Phasenlage umkehren, um etwaigen Auslöschungserscheinungen entgegenzuwirken.

Effekte
Schon die Vorgängerversionen von Guitar Rig 4 waren effektseitig sehr gut ausgestattet, gerade in Sachen Distortion/Overdrive, Delays und Modualtionseffekten blieben kaum Wünsche offen. Hier fand man Simulationen der großen Klassiker, sei es nun von Ibanez, Electro Harmonix oder Boss.
Egal ob man nun den Tubescreamer, Boss DS-1, den britischen Treble Booster oder einen Rat-Clone sucht, in der Distortion-Abteilung wird man fündig.
Die Modualtionseffekte liefern viele EH-Klassiker, wie auch einen MXR Phaser oder den guten Boss Oktaver. Ebenfalls findet man eine Simulation des Digitech Whammy-Pedals, das im Zusammenspiel mit dem Expressionpedal von RigKontrol interessante Effekte ermöglicht.
WahWahs findet man vier Stück, allerdings in der EQ-Abteilung, die ebenfalls mit Autowah, Shelving EQ, parametrischem EQ, grafischem EQ und einem Pro-Filter bestückt ist.
Unter Volume findet sich eine gute Auswahl bestehend aus einem Volume Pedal-Modul, Limiter, Noise Gate, Noise Reduction, Stomp Compressor und Tube Compressor.
Bei den Reverbs wird man sowohl fündig, wenn man nach Spring Reverb, Studio Reverb oder Tape Echo sucht. Aber genauso stößt man hier auf den bekannten Delay Man oder das Psychedelay.
n  Guitar Rig 4 sind nun auch zwei neue Delays sowie zwei neue Reverbs dazu gekommen.

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Das Twin Delay liefert dabei zwei Delay-Module mit jeweils gleichen Parametern und empfiehlt sich für spektakuläre Ping-Pong-Effekte und macht Solos so richtig schön groß.

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Das Grain Delay kann man sowohl als subtilen Dickmacher einsetzen, genauso wie auch als durchgedrehte Verzögerungseinheit mit Reverse- und Freezefunktion.

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Das Octaverb ist an die Hallklassiker der 80er angelehnt, die auf Basis von Algorithmen Räume simuliert haben und bietet derer acht Grundtypen.

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Das Iceverb überzeugt hingegen durch frostigen Sound, den man gerne dazu nutzen kann, Klänge glasiger und zerbrechlicher zu gestalten, was sich im Mix gut durchsetzt.

Bassamps
Auch die Bassisten werden bei Guitar Rig 4 wieder mit dem Bass Pro bedacht, trotzdem würde ich mir noch den ein oder anderen virtuellen Bass Amp mehr wünschen, da der Bass Pro stark Richtung Ampeg-Sound tendiert. Ich hätte  gerne noch eine virtuelle Solid State-Alternative, um zum Beispiel knallige Funksounds hinzuschrauben.

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Zwar kann man sich auch mit dem Transamp-Effekt zur Not behelfen, aber eine schöne Trace Elliot- oder Gallien Krueger-Simulation fände ich nicht schlecht. Was aber natürlich den Bass Pro nicht abwerten soll, denn was der Amp macht, macht er richtig gut.
Ich nehme meinen Jazz Bass, schalte den Big Fuzz vor den Bass Pro und da ist er: ein perfekter Geddy Lee-Sound. Auch mit dem restlichen Guitar Rig-Effektarsenal versteht sich der Bass Pro wunderbar, so dass sich vielfältige Sounds für Rock und Metal gestalten lassen. Auch tendenziell eher an die 60er und 70er Jahre erinnernde Klänge kriegt man mit dem Modell recht authentisch hin.
Wie immer lässt sich bei Guitar Rig 4 natürlich alles mit allem kombinieren, und auch die aberwitzigsten Equipment-Partnerschaften sind denkbar. Alle Komponenten arbeiten jetzt in echtem Stereo, so dass auch breitestem Guitarprocessing nichts im Wege steht.
Wie schon in den Vorgängerversionen bietet Guitar Rig 4 ein integriertes Metronom, zwei „Tapedecks“, Looper sowie ein Stimmgerät an.
Rig Kontrol
Mit Rig Kontrol erhält man auch gleich ein auf Guitar Rig 4  perfekt abgestimmten Floorcontroller/Audiointerface, welches ebenso massiv wie übersichtlich den Bühnenstrapazen trotzen sollte. Und im heimischen Musikzimmer macht das Teil sowieso eine gute Figur. Dabei ist ein Einsatz „sowohl als auch“ möglich, soll heißen: man kann das Teil entweder als Audio-Interface und Controller verwenden oder eben nur als Bedieneinheit, wenn man schon in seiner Studioumgebung über ein Audio-Interface verfügt.
Der Anschluss der Rig Kontrol geschieht über USB2.0, über die Leitung laufen dann auch direkt Audio- und Controllerdaten. Auf der Oberseite finden sich acht Schalter, die über LEDs den Schaltungszustand visualisieren, sowie das Expressionpedal. Auf der Stirnseite findet man dann die Anschlüsse, die Rig Kontrol nutzt, um mit der Umwelt zu kommunizieren.
Im Detail bietet Rig Kontrol folgende Anschlussmöglichkeiten:

  1. die USB2.0-Schnittstelle, welche Rig Kontrol mit dem Computer verbindet und so für den Datentransfer sorgt
  2. zwei Eingänge, an die man entweder Line- oder Instrumentensignale anlegen kann
  3. ebenfalls zwei Ausgänge
  4. Headphone Out mit Pegelsteller
  5. zwei Klinkenanschlüsse für weitere Pedale
  6. Midi In und Midi Out

Wie heute Standard unterstützt das Audio-Interface Aufnahmen mit Sample Rates bis zu 192 KHz bei einer Wortbreite von 24 Bit.
Schön wäre noch, wenn NI dem Pedal einen Mikrofonanschluss spendieren würde, entsprechend dem Guitar Rig Session-Interface, denn vielleicht möchte man nicht nur Gitarre und Bass spielen, sondern auch mal Gesang oder eine Akustikgitarre über Mikrofon aufzeichnen. Was aber auch funktioniert: einfach einen Mic-Preamp oder Channel Strip mit den (Line-)Eingängen von Rig Control verbinden, ich habe das testweise mit dem Mindprint EnVoice und Mindprint Trio probiert.

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Die Schalter 1-4 lassen sich frei einer Funktion zuweisen, so kann man z. B. Effekte ab- und zuschalten oder Verstärkerkanäle wechseln, sofern dies vom jeweiligen Modell unterstützt wird. Schalter 5 und 6 wechseln jeweils zum vorhergehenden oder zum nächsten Preset, während Schalter 7 das Stimmgerät aktiviert. Mit Schalter 8 lässt sich dann via Tap-Funktion das Tempo mit dem Fuß eingeben. Das Expression-Pedal lässt sich sowohl für als Volume,- Wah-, oder Pitch-Pedal konfigurieren. Gerade mit dem Pitch Pedal-Effekt lassen sich so abgefahrene Gitarren- und Bass-Effekte ganz im Stil von Tom Morello oder Justin Chancellor generieren. Aber auch eine Pedalsteel Guitar kann man so, mit entsprechend dezenter Einstellung und Handhabung, nachbilden. Die Schalter machen einen robusten und langlebigen Eindruck, für die Tapfunktion vielleicht schon zu robust, denn hier muss man sich schon mit ganzer Kraft reinlegen, um genau zu tappen.
Weiterhin findet man noch Anzeigen für Ein- und Ausgangspegel sowie ein Zahlendisplay, welches die gerade geladene Presetnummer anzeigt.
Das Anschließen an den Rechner funktioniert ohne Probleme, bei der Standard-Installation von Guitar Rig werden die passenden Treiber gleich mitgeliefert. Unter Mac OS X taucht Rig Kontrol dann auch im Audio/Midi-Setup auf und kann in Guitar Rig ausgewählt werden.

Fazit
Mit Guitar Rig 4 bietet Native Instruments ein hochwertiges Update für die schon sehr gute 3er Version an. Die beiden (oder bald drei) neuen Ampmodelle bieten authentische Sounds im Guitar Rig-Kontext und komplettieren die Soundauswahl um willkommene Facetten. Dabei bleibt die Bedienung einfach wie intuitiv, genauso so wie es sich Gitarristen wünschen. Von allen Gitarrenampsimulationen hat Guitar Rig für mich das schlüssigste Bedienkonzept, das meinem Workflow entgegen kommt. Native Instruments setzt dabei auf stetige und konsequente Weiterentwicklung, was ich persönlich sehr schätze. Mit dem Jump und dem Hot Plex gibt man den Besitzer der Vorgängerversion auch Argumente für ein Update an die Hand, denn die beiden neuen Amps wissen durchaus zu gefallen. Der Jump überzeugt durch einen durchsetzungsstarken Sound, der zwar einige Gainreserven parat hält, aber diese trotzdem differenziert umsetzen kann. Der Hot Plex dagegen schließt die Lücke zwischen Plex und Jump und macht neugierig auf den Cool Plex, der nachgeliefert wird.
Die beiden neuen Reverbs und Delays können ebenfalls überzeugen  und ergänzen das Spektrum an FX-Sounds um interessante Facetten.
Die Browser-Funktion von Guitar Rig 4 hilft beim Erstellen und Modifizieren der Sounds, erstaunlich brauchbar finde ich die Werkssounds. Wer mit etwas Fantasie die Presetnamen interpretieren kann, findet so schnell passende Ausgangspunkte, die sich auf die eigenen Vorstellungen hin anpassen lassen. Sucht man also einen Brian Setzer-Sound nimmt man sich das Stray Dogs-Preset, das sich dann auf die eigenen Anforderungen tunen lässt.
Zwar betrübt es mich etwas, dass die Bassabteilung „nur“ einen Amp anbietet, jedoch hoffe ich in diesem Zusammenhang auf die Ankündigung auf Native Instruments Webseite, dass es in Zukunft für Guitar Rig Expansion Packs geben soll. Bei einem Bass Pack wäre ich dabei!
Alles in allem ist und bleibt Guitar Rig 4 ein empfehlenswertes Tool für amtliche Gitarrensounds aus dem Rechner und somit fährt Guitar Rig 4 von mir unseren Redaktionstipp ein.
Heiko Wallauer

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