Test: Native Instruments Classic Piano Collection

Mit der letzten großen Update-Welle hat Native Instruments sein Programm zum Teil deutlich umgestellt, erweitert und neu ausgerichtet. So gab es die Classic Piano Collection in der Vergangenheit als Akoustik Piano und nicht nur mich wird es freuen, dass Native Instrument hier das Plug-in in vier einzelne Soundpacks gesteckt hat.

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New York Concert Grand, Berlin Concert Grand, Upright Piano und Vienna Concert Grand – so heißen die Soundpacks der Classic Piano Collection, die ich mir zum Test im Detail angesehen habe. Zum Spielen der Pianos benötigt man entweder den Kontakt 4 Sampler-Boliden, der auf Music bereits getestet wurde. Es reicht aber auch der kostenlose Kontakt 4 Player, den man auf Native Instruments Webseite runter laden kann.
Kauft man sich die Soundpacks einzeln, erfolgt der Download über den NI-Server. Im Viererpack kann man eine DVD erstehen. Bei um die 3 GB +/- pro Soundpack sollte man also je nach Internetverbindung etwas Zeit mitbringen. Im Gegensatz zu früher, wo NI-Downloads zäh wie Gummi waren und auch gerne mal zwischendurch abbrachen, laufen die Downloads heute aber sehr schnell.
Installation
Die Installation ist dann zügig erledigt, zum Glück lässt sich der Sample-Content auf einer externen Festplatte parken, so dass man sich nicht die Systemplatte zu macht.
Autorisation
Die Autorisierung erfolgt wie gewohnt über das NI Service Center. Wer schon mal NI-Produkte freigeschaltet hat, dem wird die Prozedur vertraut sein.
New York, New York … Native Instruments spricht hier von einem recht aktueller Steinway-Flügel, optimal gewartet und eingestellt. New York macht es dem Spieler recht einfach. Das Piano fühlt sich sehr gut an und lässt sich leicht spielen. Die Samples reagieren feinfühlig auf eingehende Midi-Daten und bringen so einen authentischen Sound aus den Boxen. Man muss nicht allzu sehr mit seiner Spieltechnik kämpfen, um einen schönen Flügelsound aus dem Instrument zu zaubern. Dabei bleibt der Klang immer dynamisch und transparent. New York lässt sich vielfältig einsetzten und fühlt sich meiner Meinung nach zwischen Jazz und Pop am wohlsten.
New York versteht verschiedene Tunings, von denen die temperierte Stimmung wohl die gängigste sein dürfte. Dennoch bietet die Software auch Stretch Tuning und andere, exotischere Varianten.
 Warum macht man sich nun aber solche Umstände mit der Stimmung? Die temperierte Stimmung stellt im Grunde nur den kleinsten gemeinsamen Nenner und den mathematisch korrekten Kompromiss dar. Schneller kann man diesen Zusammenhang vielleicht an der Gitarre nachvollziehen: Stimme ich eine Gitarre z. B. nach der temperierten Methode kann es gut und gerne passieren, dass offene Akorde, also die Kombination aus Leersaiten und gegriffenen Saiten, in sich verstimmt klingen.
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Genauso kann es auch passieren, dass etwa gegriffene Töne oberhalb des 17. Bundes aus dem Tuning laufen, obwohl die Leersaite korrekt gestimmt ist. Bei der Gitarren muss man durch Einstellung von Brücke, Sattel und Saitenlage den bestmöglichen Kompromiss erzielen, bei New York wechselt man einfach zu einer anderen Stimmungsmethode. Stretch Tuning klingt zum Beispiel bei Solo-Stücken sehr gut, kann aber im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten zu Problemen führen.
Wie heute bei einem guten Piano Plug-in fast üblich, spielt New York nicht nur Samples ab. Über die Kontakt Technologie lassen sich auch weitgehende Eingriffe in den Grundklang des Flügels vornehmen. 

Hierzu nutzt man den Performance View, der in kompakter Darstellung alle relevanten Parameter als Input, Resoance, Noise, Detail, Reverb und Position anbietet. Tuning hatten wir ja bereits, weiterhin bestimmt man hier unter anderem die Öffnung des Deckels, Releasegeräusche von losgelassenen Tasten oder das Verhalten des Resonanzbodens.
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Sehr oft nutze ich hier die Reverbeinheit, die neben dem Amount-Regler vier grundlegende Reverbcharakterisitka anbietet. Cathedral, Concert Hall, Jazz Club und Recording Studio hat Native Instruments hier dem Pianisten spendiert. Der Hall in der Classic Piano Collection basiert auf der Convolution Technologie, bei der die Pianosamples mit der Rauminformation gefaltet werden.
Pedale kennt New York natürlich auch, hier liefert Native Instruments die Unterstützung für die drei Pedale Sustain, Una Corda und Sostentunto. Alle drei Controller lassen sich über CC-Meldungen einbinden, so dass es recht einfach ist, die entsprechenden Features zu nutzen.
Alles technische aus New York lässt sich natürlich auch auf Berlin, Vienna und Upright übertragen, auch dieses Pianomodelle nutzten die bei New York vorgestellte Kontakt 4-Technologie. Die Parameter kann man hier vom New York-Modell analog übertragen.
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Klanglich unterscheidet sich das Berlin-Modell grundlegend von New York. Zu Grunde liegt hier ein Konzept von Bechstein, welches auf der Duplex Scale-Methode basiert. Hieraus resultiert ein Klang, der voluminös in den Bässen und durchsetzungsstark in den Höhen ist. Für mich eignet sich der Klang, im Vergleich zu New York, eher für Klassisches oder Solostücke, weniger für den modernen Pop- oder Jazzkontext.
Das Vienna Concert Grand überzeugt durch einen vollklingenden Tonumfang über ganze acht Oktaven und stellt eine Adaption des legendären Viennesse Pianos dar.
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Durch unterschiedliche Abmessungen des Soundboards werden optimale Übertragungseigenschaften gewährleistet, so dass sich der Klang der Saiten über alle Register entfalten kann, was in einem sustainreichen und ausgewogenen Sound resultiert. Das hat auch Native Instruments hervorragend eingefangen, spricht doch auch dieses Pianomodell äußerst sensibel an. Auch hier gilt: Je besser das Eingabeinstrument, um so detaillierter lässt sich das Vienna Concert Grand spielen.
Upright Piano und die gute Stube, dass gehört irgendwie auch zusammen. Durch die geringeren Maße braucht das Upright Piano deutlich weniger Platz und ist somit wohl am häufigsten im Wohnzimmer zu Hause. Oder man kennt das Teil noch aus Stummfilmtagen oder als Saloonpiano aus Western von gestern. Irgendwie klingen die Uprights auch nie wirklich rund, ich denke mal, dass könnte daran liegen, dass sie nicht so ausgiebig gewartet werden wie die Grand Pianos in Konzerthäusern.
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Aber es muss ja auch nicht immer alles glattgebügelt klingen, und so passt das Native Instrument Upright Piano mit all seinen gesampleten Unzulänglichkeiten hervorragend für Blues, Rockabilly und Rock’n Roll – also immer dann, wenn es etwas rauer und mehr aus dem Bauch heraus zugeht. “You shake my nerves and you rattle my brain”, unweigerlich fängt man, Great Balls Of Fire zu klimpern. 

Das Upright Piano klingt im Vergleich zu den großen Flügeln um einiges kompakter.

Fazit
Das Native Instruments dem Plug-in Klassiker mit der Classic Piano Collection eine neue Plattform gibt freut mich sehr. Durch die Integration in Kontakt 4 und den Kontakt 4 Player gewinnt das Konzept und ist für mich mittlerweile tragfähiger als das alte Produkt Acoustik Piano. Außerdem finde ich es gut, dass man als Musiker und Produzent entscheiden kann, ob man das komplette Paket einsetzen möchte, oder ob man nur ein oder zwei Pianos aus dem Angebot von Native Instruments braucht.
Die Klänge sind ausdrucksstark und dynamisch, die Aufbereitung der Samples und die Zahl der Velocity-Layer finde ich praxistauglich gewählt. Bei virtuellen Pianos schließt man anhand der Library-Größe gern auf die Qualität. Doch auch wenn die reine Größe der einzelnen Modelle für ein samplebasiertes Piano etwas leicht erscheinen, gefallen mir vor allem New York und Berlin besser als manch andere schwergewichtigere Pianos.
Vienna Grand Concert ist ein Spezialist, wenn es um ausgewogene Tonentfaltung geht. Dieses Piano-Modell kommt vor allem solo sehr eindrucksvoll rüber. Das Upright Piano ist eine kleine Spezialkiste, die sich immer dann empfiehlt, wenn man auf der Suche nach einem etwas schnodderigen Piano ist, z. B. für Blues und Rockabilly. Aber auch als Barpiano für Kneipenchansoniers lässt sich das Upright gut gebrauchen.
Preislich liefern die Instrumente für je 69 Euro einen guten Gegenwert, die ganze Classic Piano Collection schlägt  im Bundle mit 169 Euro zu Buche.
Heiko Wallauer
Systemvoraussetzungen Mac OS X

  • KONTAKT 4 PLAYER (Version 4.0.5!) oder KONTAKT 4 (4.0.5)
  • Intelmac’s, kein PPC Support

Systemvoraussetzung Windows

  • KONTAKT 4 PLAYER (Version 4.0.5!) oder KONTAKT 4 (4.0.5)
  • benötigt SSE2 (CPU supplementary instruction set)

Weiterhin gelten natürlich die KONTAKT 4 PLAYER Systemvoraussetzungen
Preis pro Instrument

  • 69 Euro

Preis für das Bundle

  • 169 Euro

Hersteller

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