Test: Line6 DT 50

Bis vor wenigen Jahren schien es undenkbarer, dass Line 6 Röhrenamps anbieten würde, denn dort hatte man es sich zur Aufgabe gemacht, eben jene archaische Technik digital nachzubilden. Umso erstaunlicher war es dann für mich, als man bei den Modellingpionieren den ersten Tube-Amp vorstellte. Dass dies kein kurzer Ausflug war, belegt nun der neue DT 50, mit dem die Röhrenamp-Serie in die nächste Runde geht.

Beim DT50 hat man sich (genau wie beim Spider Valve) mit Reinhold Bogner zusammengeschlossen – einem international anerkannten Ampdesigner und Gründer von Bogner Amplification.
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Die Bogner-Boliden haben sich recht schnell in die Herzen von etablierten Acts wie Metallica oder Steve Lukather gespielt, liegen aber preislich auch in der Champions League. Da lässt es natürlich umso mehr aufhorchen, wenn Bogner nun sein Wissen für eine Amp-Serie weitergibt, die für jeden engagierten Gitarristen bezahlbar bleibt.
Von außen …
In Sachen Verarbeitungsqualität macht der DT50 112 Combo einen hervorragenden Eindruck. Das Gehäuse ist solide aufgebaut und die Tolex-Bespannung verleiht dem Amp einen edlen Touch. Die bronzene Bespannung für den 12 Zoll Speaker, gibt dem DT50 einen distinguiert-britischen Look, der durch das goldene Piping noch hervorgehoben wird. Im Kontrast dazu steht das moderne Line 6-Logo, das die Front ziert.
Als besonderes Schmankerl fällt das beleuchtete Bedienpanel ins Auge, welches im Betrieb des Amps die Parameterbeschriftung sanft illuminiert.
Der DT50 112 Combo ist ein ganz schöner Brocken, denn er bringt locker über 30 Kilo auf die Waage. Wer absehen kann, dass er den Combo häufiger transportieren wird, sollte sich auf jeden Fall ein amtliches Haubencase gönnen, um den Amp vor Beschädigungen zu schützen.

Konzept
Das Konzept könnte auf dem Papier nicht spannender sein: Der DT50 kombiniert das HD Modelling der neuen POD-Serie mit einer Röhrenvorstufe und einer Röhrenendstufe.
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Dabei bleibt der Amp simpel strukturiert, denn mit zwei Kanälen, die jeweils alle Parameter im Direktzugriff bieten, ist es einfach, dem DT50 die ersten Licks und Riffs zu entlocken. Doch man darf sich vom ersten Eindruck nicht täuschen lassen: Der DT50 ist ein wahres Sound-Chamäleon, denn er verfügt über vier wählbare Grundsounds, die alle einen unterschiedlichen Charakter bieten.
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Jeder Kanal lässt sich jeweils mit den Parametern Drive, Bass, Mid, Treble, Presence, Reverb und Channel Volume regeln. Ein globales Mastervolume-Poti regelt den Gesamtpegel des Amps. In der Mastersektion finden wir auch den Schalter, mit dem man die vier Soundcharaktere auswählt, sowie die Möglichkeit, zwischen Pentode und Triode zu selektieren. Weiterhin können wir die Endstufe zwischen Class A- und Class A/B-Betrieb switchen.
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Der Mastervolumereger verfügt über eine Pull-Funktion, mit der sich die Leistung fast auf Zimmerlautstärke reduzieren lässt. Auf voller Leistung hat man selbstredend mehr Headroom, der Amp klingt luftiger, während er mit Leistungsreduktion um einiges heißer klingt.
Natürlich gibt es hier auch einen Powerschalter (auf der Frontseite), einen Standby-Schalter, sowie das rotscheinende Pilot-Light.
Die Röhrenbestückung bietet zunächst mal Klassisches, mit zwei 12AX7 Tubes in der Vorstufe und der Endstufenbestückung mit 2 EL34-Röhren, die eine Leistung von 50 Watt abgeben können. Diese wird beim DT50 112 in einen speziell für Line 6 gefertigten Celestion-Speaker zu Gehör gebracht.
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Anschlüsse
Der DT50 stellt mit Hi und Low zwei Eingänge zur Verfügung, die jeweils an unterschiedliche Gitarrenpegel angepasst sind. Zwischen den Kanälen lässt sich manuell oder mittels Fußschalter switchen. Das neue Line 6-Flaggschiff verfügt zudem über einen seriellen Effektloop, der mit einem Levelregler im Pegel angepasst werden kann.
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Auch ein frequenzkorrigierter Ausgang fehlt nicht. Dieser bietet sich z. B. an um damit direkt ins Pult zu spielen.
Mit den neuen HD-PODs hat Line 6 die L6 Link-Schnittstelle eingeführt, und so verfügt auch der DT50 112 über diesen Anschluss.

Sound
Wir Gitarristen sind ja schon eine seltsame Gattung, wenn es um unsere Instrumente und Amps geht. Gerade bei Amps wollen wir ja immer die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau: Natürlich muss alles Röhre sein – am besten mit Silberdraht handverlötet. Natürlich soll der Amp alle relevanten Sounds der letzten 5 Dekaden liefern, aber mit drei Knöppen bedienbar bleiben. Der ein oder andere Effekt wäre auch nicht schlecht – aber bitte kein Digitalzeugs. Dass dies am Ende nicht so ganz funktionieren kann, ist logisch. Aber: Der DT50 bringt uns zumindest in die Nähe dieser Idealvorstellung.
Vier Sounds, zwei Kanäle, dazu Pentode/Triode-Umschaltung, reduzierbare Endstufenleistung und schaltbare Class A/Class A/B-Umschaltung: Dass ist bestimmt alles total kompliziert! Keine Sorge: Was Line 6 sich hier in Sachen Bedienung ausgedacht hat, ist schlichtweg genial.
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Zunächst bietet der DT50 112 folgende (unterschiedliche) Grundsounds: Classic American Clean, Class A Chime,. British Crunch und Modern High Gain. Die Voicings orientieren sich an klassischen Gitarrensounds, wie dem Fender Twin, Vox AC30, oder den Plexi-Marshalls. Beim High Gain-Voicing hat Reinhold Bogner seine Expertise in Sachen modernem Zerrsound einfließen lassen.
Die Umschaltung der Voicings erfolgt über einen Kippschalter, der durch die vier Modi mit deutlich wahrnehmbaren Relaisklicken schaltet – was einem als Gitarrist ein gutes Gefühl gibt.
Die einzelnen Voicings klingen dynamisch und satt. Allein durch das Umschalten lässt sich der Soundcharakter deutlich beeinflussen, ohne dass man am Gainregler oder EQ des Channels drehen müsste.
Bei den beiden Kanälen können wir uns von gewohnten Kategorisierungen wie Rhythm, Lead, Clean, oder Gain freimachen, denn es ist einem selbst überlassen, mit welchen Sounds man die einzelnen Kanäle bestücken möchte. Neben der üblichen Aufteilung Clean/Verzerrt ist es durchaus denkbar, zwei High Gain Sounds einzustellen, oder zwei cleane – je nachdem, wo man soundtechnisch hin möchte. Da zitiere ich einfach mal Guthrie Govan, der mal sagte, dass „… dir der Volume-Regler an der Gitarre eine unendliche Anzahl von Amp-Channels gibt“. Es kann also sinnvoll sein, den Volume-Regler an der Gitarre bis auf die Hälfte zurückzunehmen, um am Amp einen cleanen Sound einzustellen, der gerade an der Grenze zum Crunch ist. So bekommt man alle Nuancen zwischen Clean und Crunch. Gleiches macht man am zweiten Kanal mit einem High Gain-Sound – und kann so alles zwischen verzerrtem Rhythmussound bis zum singenden Leadsound abdecken. Im Nu hat man so aus seinem zweikanaligen Amp einen mit vier Soundoptionen gewonnen. Mit dem DT50 112 funktioniert das sehr gut.
Die Voicings des Amps reagieren direkt auf den Pegel der Gitarre und den Anschlag des Gitarristen.
Da ist es konsequent, dass beide Channels exakt die gleichen Bedienfunktionen bieten, die mit Drive, Bass, Mid, Treble, Presence, Reverb und Channel Volume praxistauglich gewählt sind. Jeder weiß, was gemeint ist, und woran er drehen muss. Ein besonderes Lob verdient der integrierte Reverbeffekt, der sich eben auch für jeden Kanal separat einstellen lässt.
Mit der Umschaltung von Pentode auf Triode lässt sich in die Grundcharakteristik des DT50 eingreifen, da diese Schaltung hinter den Voicings auf die Röhren der Endstufe wirkt.
Durch Umschaltung des Betriebs von Pentode auf Triode erreicht man eine Klangveränderung in Richtung weicher, wärmer und Vintage-orientierter.
Auch mit dem Class A/Class A/B-Wahlschalter greift man noch mal deutlich in das klangliche Geschehen ein. Class A/B verschiebt den Arbeitspunkt der Endstufe in den nichtlinearen Bereich der Kennlinie, was folglich dem Signal geradzahlige wie ungerade Harmonische hinzufügt. Dadurch klingt der Amp im Class A/B-Betrieb rauer und etwas ruppiger – vielleicht auch moderner. Class A schmeichelt dann dem Vintage-Gourmet.
Die Leistungsreduktion der Endstufe mittels Push/Pull des Mastervolumes ist ebenfalls eine schöne Möglichkeit, Einfluss auf den Charakter des Amps zu nehmen. Auch mit gezogenem Poti und reduzierter Leistung sind wir noch von Bedroom-Amp Pegeln entfernt, aber zumindest kommen wir in Bereiche, in denen man auch mit sensiblen Nachbarn in der Mietwohnung üben kann.
Richtig spaßig wird es natürlich, wenn man den DT50 via L6 Link mit einem POD HD verknüpft. Hier bietet Line 6 die Möglichkeit, den DT50 zu kontrollieren. Weiterhin können wir aber auch die Sounds aus dem POD HD500 inklusive aller Effekte in den DT50 einspeisen. Wir haben also eine Tonleitung, die auch die Steuersignale enthält und den DT50 mit dem POD HD sprechen lässt. So lassen sich die Sounds sowohl vom POD wie auch vom DT50 modifizieren und anpassen. Damit kann man alle denkbaren Rigs konstruieren.
Line 6 setzt für die Verbindung auf ein Standard-XLR-Kabel, das man in jedem Laden kaufen kann. Perfekt.
Der Sound des DT50 112 gefällt mir sehr gut. So schwer wie der Amp ist, so „pfundig“ bringt er seine Qualitäten zu Gehör. Der Amp verhält sich im Clean- und Crunchbereich sehr dynamisch und verdichtet sehr schön bei High Gain Settings. Dabei bleiben die Charakteristika unterschiedlicher Gitarrentypen erhalten. Die Gain-Reserven sind so großzügig dimensioniert, dass man auch mit einer Telecaster locker in den Sättigungsbereich kommt, indem wir dann einen cremigen Leadsound erhalten.
Der Amp ist sehr vielseitig – von Country bis Blues, Rock und Metal kriegen wir alle Sounds, die wir uns wünschen.

Fazit:
Dass ich den Amp nach dem Test wieder an Line 6 zurückgeben muss wpid-icon_wink-2011-07-10-11-56.gif
Was mir nicht so gut gefällt, ist, dass sich der Pegel des XLR-DI-Ausgangs nur in Abhängigkeit mit der Gesamtlautstärke über den Mastervolume regeln lässt. Eine getrennte Regelung fände ich hier sinniger.
Sound, Bedienkonzept, Verarbeitung – all dies kann sich der DT50 auf die Habenseite schreiben.
Das Einstellen der Sounds funktioniert genau so, wie man es von den guten alten Amps kennt. Bis auf das eine Push/Pull-Poti zur Leistungsreduktion gibt es keine Doppelbelegungen.
Der Amp spricht sehr gut an, dynamisches und expressives Spiel wird perfekt unterstützt. Hat man einen POD HD 500, erweitert sich der Soundumfang fast ins Unermessliche.
Der Anschluss über L6 Link geht herrlich einfach von statten. Überhaupt macht man sich ja schon seit Einführung des PODs darüber Gedanken, wie man Modeller am besten verstärkt. Line 6 hat das mit dem DT50 in Verbindung mit dem POD HD sehr schön gelöst bekommen.
Darüber hinaus verträgt sich der DT50 aber auch bestens mit allen anderen Vorschaltpedalen, seien es nun Wahs, Overdrives oder Distortionpedale.
Die Verarbeitungsqualität stimmt auch, der Amp macht einen soliden und edlen Eindruck. Der Preis ist natürlich erst mal eine Ansage, macht aber auch klar, in welcher Liga der Amp mitspielt. Denn der DT50 112 ist kein Wohnzimmer- oder Practice-Amp, sondern gehört ins Studio, in den Proberaum und auf die Bühne.
Heiko Wallauer
Preis

  • DT50 112 Combo für 1.429 Euro
  • DT50 212 für 1.629 Euro
  • DT50 Topteil für 1.199 Euro
  • DT50 412 Cabinet für 679

Sounds:

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