Test: Diego SC deluxe

Ist dies das Ende einer Reise? Zumindest schließt sich mit der Diego SC de Luxe ein Kreis, der seinen Anfang mit meinen ersten Versuchen auf der E-Gitarre nahm. Denn die Suche nach meiner definitiven Stratocaster führte mich wieder nach Hannover zu Diego.

Hinter Diego steckt kein Geringerer als Dieter Gölsdorf aka Atze Rockinger, Kopf und Chef-Entwickler hinter Düsenberg und Gründer von Rockinger Guitars. Bevor ich als junger Gitarrist was von Fender oder Gibson wusste, fiel mir damals als Siebtklässer ein Katalog von Rockinger in die Hände, und zusammen mit Van Halens 1984, Iron Maidens Powerslave und Tokio Tapes von den Scorpions war diese gedruckte Gitarrenenzyklopädie mit dafür verantwortlich, dass ich, nach einem halbherzigen Versuch auf der Konzertgitarre, Gefallen an den elektrifizierten Sechssaitern bekam.
wpid-Diego_Abb1-2011-07-10-11-45.jpg

Wenn ich zu Anfang was von der Konzeption von Stromgitarren gelernt habe, dann bei Rockinger. Wem das Konzept nicht bekannt ist: Rockinger bestritt sein Programm in den 80ern über den Verkauf von Gitarrenteilen, also Bodies, Hälse, Pickups oder Tremolos, die sich zu  Gitarrenbausätzen zusammensetzen  ließen. Zu großen Teilen war das Angebot so angelegt, das alles zu allem passte, solange es irgendwie Sinn ergab. Weiterhin gab es bei Rockinger auch einen richtigen Custom Shop, in dem alle erdenklichen Instrumente hergestellt wurden. Die Basis bildeten natürlich Strat- und Telekits, aber auch eine Explorer gab es von Rockinger, oder eine Les Paul jr.-Variante. Und wenn einer für meine Schrauberleidenschaft in Sachen Gitarren mitverantwortlich ist, dann Dieter Gölsdorf! Heute zeigt sich das Rockingerprogramm, der Laden wird heute von dem ebenfalls hoch geschätzten Andreas Mertens geführt, straffer und klarer strukturiert, ist für mich aber immer noch erste Anlaufstelle, wenn es an die Beschaffung von Gitarrenteilen geht.
Dieter Gölsdorf hingegen hat in den letzten Jahren seine Firma Düsenberg Guitars etabliert, und wenn man sich mal anschaut, wer mit Düsenberg-Gitarren auf der Bühne und im Studio steht, so muss man ihm bescheinigen, dass er mit seinen Konzepten und Desings was richtig macht. Die Diego Gitarren dagegen sind sozusagen die Interpretation klassischer Gitarrenthemen, nämlich von Stratocaster und Telecaster. Man muss ja schon aufpassen, das Wort Stratocaster außerhalb des Fenderkontexts in den Mund zu  nehmen, denn Fender hält da natürlich ein Trademark drauf. Wie las ich letztens bei einem anderen Hersteller, der das S-Wort umgehen wollte? Nordamerikanische Singlecoil-Gitarre mit drei Tonabnehmern … Auch gut wpid-icon_wink-2011-07-10-11-45.gif
Dass die Stratocaster wohl mit der Les Paul zu den am meisten interpretierten Themen gehört, liegt schlicht in der Schlüssigkeit der Designs. Bei Diego ist es angebracht nicht von einer Kopie sondern von einer Interpretation zu sprechen, beinhaltet die Gitarre doch viele Detaillösungen, die zu einem erstklassigen Ergebnis führen. Gölsdorf versucht nicht, wie viele andere Hersteller, genau das Ideal eines bestimmten Jahrgangs haarklein nachzubilden, egal wie sinnvoll oder nicht solche Unternehmungen manchmal sind. Der Kompass zeigt zwar steil nach 60er Pre CBS-Strat, aber konzeptionell mit den nötigen Detailverbesserungen an den richtigen Stellen.
Body
Der Body der Diego besteht klassisch aus Erle und ist in einem schönen Vintage White lackiert. Das Shaping des Korpus entspricht meinem Dafürhalten ziemlich genau der Formgebung in den frühen 60ern, mit den obligatorischen Shapings für den rechten Arm und Brustkorb.

Die Zargenränder sind stark verrundet, was für den typischen Sixties-Look sorgt. Schaut Euch mal Fender Stratocasters aus verschiedenen Epochen an, dann wird Euch auffallen, dass sich zum Beispiel die 70er-Modelle stark von denen aus den 50ern und 60ern unterscheiden. Während die 50er Strats mitunter recht zierlich daherkommen, empfinde ich die 70er Korpusform um einiges klobiger. Die Diego trifft also die goldene Mitte.
Das Weiß des Bodies wechselt, je nach Lichteinfall, die Farbe sehr facettenreich, im schummrigen Zwielicht erscheint der Lack wunderbar gilbig, mit dem für alte Instrumente typischen Gelbstich.
wpid-Diego_Abb2-2011-07-10-11-45.jpg
Die Lackierung ist perfekt ausgeführt, Detailtreue zeigt sich darin, dass man auch die Federkammer auf der Rückseite in gleicher Qualität auslackiert hat, eine Aufmerksamkeit, die ich so noch nie bei einem anderen Hersteller finden konnte. Das ist auch gut so, denn die Diego kommt ohne die typische Abdeckung der Federkammer aus, es sind auch keine Löcher dafür vorgesehen, so dass die Rückseite der Gitarre nicht verschandelt wird. Ein Großteil der Stratisten lässt diese Abdeckung eh weg, wird das schnelle einfädeln der Saiten durch den Tremoloblock durch dieses Accesoire nicht unbedingt erleichtert. Ebenfalls eine Detailverbesserung sind die massiven Gurtpins, die kompatibel zu Security Locks sind, aber auch schon so dem Gurt ausreichend Halt und Sicherheit geben. Ich für meinen Teil bevorzuge die Variante mit den Bügelflaschengummis, die funktioniert hier natürlich ebenfalls prächtig.
Hals
Der Hals ist ebenfalls aus klassischen Materialien gefertigt, nämlich Ahorn für die Basis und Palisander fürs Griffbrett. Die Halsrückseite ist seidenmatt lackiert, was dem Werkstoff ausreichend Schutz gibt, aber trotzdem für ein sehr holziges und direktes Spielgefühl sorgt. Das berüchtigte Klebenbleiben, das man mitunter bei lackierten Hälsen hat, bleibt hier aus. Das Palisandergriffbrett hat einen angenehm dunklen und weichen Holzton, und so wie es sich anschaut, so fühlt es sich auch an: samtig, weich, fein.
Kommen wir zu den Bünden, sehr oft der Zankapfel, auch bei teuren Marken. Denn lasst Euch gesagt sein, ich hab schon so manche Gitarre, auch von Premiumherstellern in der 2-000 Euro Liga in den Fingern gehabt, bei denen das Finish der Bünde schlichtweg eine Frechheit war. Ganz anders hingegen bei der Diego, hier sind die 21 Jumbobünde allerbestens abgerichtet und auf Hochglanz poliert, was dem ganzen Hals eine sehr wertige Erscheinung gibt. Dies führt sich auch über die Dots im Griffbrett bis hin zu den Sidedots fort.
wpid-Diego_Abb3-2011-07-10-11-45.jpg
Die Kopfplatte orientiert sich an der des Originals und bietet den gut laufenden Klusonmechaniken Platz. Deren Nickeloberfläche ist ebenfalls etwas auf  alt getrimmt, was zum stimmigen Gesamteindruck passt. Von der Funktion sind die Teile natürlich von alt und klapprig weit entfernt. Sie funktionieren in modernen Parametern.
Komplettiert wird der Hals durch einen sauber abgerichteten Sattel, durch dessen Rillen die Saiten Laufen. Detailverliebtheit offenbart sich auch in der Art und Weise, wie Diego Ihr Logo und die Typenbezeichnung an der Kopfplatte aufbringen. Nicht als Waterslide Decal oder in Permutt eingelegt, nein Diego bringen chromglänzende Art Déco-Logos auf der Kopfplatte an, die entfernt Assoziationen zu amerikanischen Strassenkreuzern zulassen. Oder zu professionellen Espresso-Maschinen in guten  Cafés, je nachdem.
wpid-Diego_Abb4-2011-07-10-11-45.jpg
Hals und Korpus sind mit vier Schrauben fest  verbunden, die Halstasche ist auf Maß gemacht, da passt kein Stück Papier mehr dazwischen. Die Halsplatte trägt hinten eine Seriennummer eingestanzt.
Tremolo
Heißt es nun Tremolo oder Vibrato? Streng genommen haben wir es hier natürlich mit einem Vibrato zu tun, da es die Tonhöhe moduliert, Leo nannte es aber Tremolo. Die Tremolos in seinen Amps (die die Lautstärke modulieren), nannte er hingegen Vibrato. Also einigen wir uns im Falle der Diego auf Tremolo? Bei Diego schwört man auf einen massiven Stahlblock als Basis, der anders als zu den Kollegen aus Druckguss das Sustain der Gitarre positiv beeinflusst. Außerdem macht er den Eindruck, dass er auch schweren Gebrauch locker wegstecken kann ohne in die Knie zu gehen. Den billigen Druckgußblock an meiner Charvel hab ich hingegen schon mal mit einer Divebomb gesprengt bekommen.
wpid-Diego_Abb5-2011-07-10-11-45.jpg
Das Tremolo ist natürlich an Leos Syncronized Tremolo angelehnt und verspricht Vintagefeel auf der ganzen Linie. Hinten mit drei Federn eingehangen kam die Einheit perfekt free floating eingestellt zu mir und erlaubt neben Downbends auch Upbends bis zu drei Halbtönen.
In Verbindung mit dem sauber gearbeiteten Sattel und den Mechaniken halten sich Verstimmungen bei normalem Gebrauch in Grenzen (auch nicht schlechter wie beim Freudlos), Dive-Bombs sind aber naturgemäß nicht die Domäne dieser Konstruktion.
Pickups/Elektronik
Klassisch geht es auch bei den drei Pickups weiter, welche auf dem dreilagigen Schlagbrett montiert sind. Die reinrassigen staggered Single Coils sind Alnico V-Typen, bei denen die Polepieces unterschiedliche Abstände zu den Saiten aufweisen. Der mittlere Pickup ist reverse  und mit umgekehrter Polarität gewickelt, wodurch sich Nebengeräusch freie Zwischenpositionen realisieren lassen. Denn wie alle Single Coils sind die Pickups der Diego natürlich anfällig gegen Einstreuungen, dass bringt die Konstruktion mit sich. Bei den Diego Singlecoils handelt es sich aber um ruhige Typen, was auf eine effektive Abschirmung der Gitarre schließen lässt. Kritisch wird es nur, wenn man sich wirklich in extremer Nähe zu Trafos oder Leuchtröhren befindet. Dadurch, dass Röhrenmonitore ja glücklicherweise durch flache LCDs abgelöst worden sind, kann man auch im Studio oder heimischen Wohnzimmer vor dem Rechner einspielen, ohne Einbußen in Kauf nehmen zu müssen. Denn die typische Charakteristik und Dynamik eines echten Singlecoils lässt sich durch nichts ersetzen. Ich habe in der Vergangenheit alles Mögliche probiert, von OBL-Klingenpickups über Lace Sensors, Duckbuckern bis zu Vintage Noiseless Pickups. Zwar alles ganz nett und irgendwie OK, was Ton und Dynamik angeht aber doch nicht the real deal. Schön deshalb, dass bei der Diego relativ Ruhe ist.
Verschaltet sind die drei Tonabnehmer über einen  Fünfwegschalter, einen Mastervolume-Poti und 2 Tonepotis, welche auf Mittel- und Halspickup wirken. Was bei den Schaltern und Potis auffällt: alles läuft gut geschmiert. Der Fünfwegschalter realisiert die bereits bekannten Kombinationen der Singlecoils. Von unten nach oben sind dies: Steg, Steg/Mitte, Mitte, Mitte/Hals und Hals.
Sound
Die Diego liefert einen dicken Strat-Ton mit positiver Vintage-Tendenz. Der Stegpickup packt kraftvoll und mit schönem Twang zu und eignet sich im Cleanbetrieb für Countrysounds, wenn auch nicht so knochig wie die Telecaster, genauso wie für Nile-Rodgers-Gefunke.  Mit einem E7#9 kommt mir gleich irgendwie John Frusciante und das Intro zur Chili Peppers-Live CD in den Sinn. Im Crunch- und Zerrbetrieb geht wahrlich die Sonne auf, auch Akkorde werden schön aufgelöst, während Single-Note-Lines und Soli das nötige Quentchen Rotz mit auf den Weg bekommen.
Sehr positiv kommt auch der Mittelpickup zu Geltung, bei manch anderer Strat ja bestenfalls für die Zwischenpostionen zu gebrauchen. Bei der Diego eignet er sich für cleane Arpeggios, lockeres Akkordeschrammeln oder crunchige SRV-Klänge. Oder eben immer dann, wenn der Stegpickup etwas zu aggressiv kommt. Am Hals ganz klar Hendrix und David Gilmour. Der Pickup kommt richtig dick, mit singender Charakteristik.
Die Zwischenpositionen bringen die typischen Mark Knopfler- und The Edge-Sounds, es ökelt, das es eine wahre Freude ist. Vor allem über einen cleanen Twin oder AC30 können diese Sounds brillieren.
Über das Resonanzverhalten der Gitarre kann man ebenfalls nur erstaunt sein, hier schwingt das ganze Konstrukt in sich so was von schön, das Sustain lässt sogar manch eine meiner Mahagoni-Leimhalsgitarren wahrlich alt aussehen. Hat man die Diego im Stehen am Bauch liegen, übertragen sich die Schwingungen der Gitarre auf den Körper, eine schon fast meditative und metaphysische Erfahrung. Jedem Nichtgitarrist, der nicht verstehen will, was an Gitarren so faszinierend ist, sei so eine Erfahrung gegönnt.
Die Diego ist in ihrer Gesamtheit ein charakterstarkes Instrument. Der Begriff ist zwar stark überstrapaziert, aber lasst mich erklären, was ich damit meine: Ich besitze noch eine Fender 50th Anniversary Strat und eine Hot Rod Strat von Jackson. Im Vergleich zur Diego erscheint die 50th Anniversary vielleicht zunächst als das gefälligere Instrument, weil sie durch das flachere Halsprofil und den insgesamt dünneren Hals im ersten Moment leichter zu spielen ist, und ebenfalls sauber intoniert. Gleiches bei der Jackson, jedoch hat die im Vergleich zur 50th Anniversary und zur Diego  am Steg einen Humbucker, was im Clean- und Crunchbetrieb auch für den Laien unterscheidbar bleibt. Dreht man den Zerrgrad an Vorstufe/Verzerrer immer weiter Richtung High Gain, findet eine Angleichung bei 50th Anniversary und Jackson statt, d. h. ab einem bestimmten Zerr-Pegel sind beide Gitarren kaum noch zu unterscheiden, der Preamp gewinnt sozusagen die Oberhand. Nimmt man nun aber noch die Diego hinzu bleibt diese über das ganze Spektrum von Clean bis High Gain mit ihrer deutlichen Handschrift klar definierbar. Das oben beschriebene Verwischen der Konturen findet  nicht statt. Auch über ein Engl- oder Soldano-Gain Monster bewahrt die Gitarre ihren aussagekräftigen Charakter.
Auch wenn ich natürlich geneigt wäre für die Diego einen klassischen Amp wie Plexi, Twin oder AC30  zu empfehlen, so versteht sie sich auch mit modernen Mehrkanälern wie Hughes & Kettner Triamp oder Peavey JSX.

Fazit:
Die Diego SC de Luxe ist eine hervorragend konzipierte und verarbeitete Gitarre, die durch charakterstarke Sounds und eine hervorragende Bespielbarkeit punktet. Alle Komponenten wurden bestens aufeinander abgestimmt, das Ergebnis ist eine exzellente Gitarre. Diese interpretiert das klassische Thema auf ihre eigene Weise mit den notwendigen modernen Upgrades. Alles wirkt wie aus einem Guss, Grund zu Klage gibt es nicht. Die Diego kostet etwas über 600 Euro im Verkauf, bei der gebotenen Qualität könnte der Preis auch weitaus höher liegen. Als ich junger Anfänger war, war das ist in etwa auch die Summe (damals 1.200 DM), die man für eine Fender Stratocaster über die Theke schieben musste.

Schreibe einen Kommentar