Test: Amplitube 3

Was das Thema Ampmodelling angeht mischen IK Multimedia mit AmpliTube schon seit Anbeginn der virtuellen Amps aus dem Computer ganz vorne mit. Waren zuletzt vermehrt spezielle Pakete wie AmpliTube Fender oder AmpliTube Metal erschienen, kommt nun das Flagschiff AmpliTube in den Genuss eines Rundum-Updates. Über 160 modellierte Hardwareteile verspricht AmpliTube 3.

Die Zahlen lesen sich schon mal massig: 31 Amps, 51 Bodeneffekte, 36 Lautsprecher, 15 Mikrofone und 17 Rackeffekte versprechen Soundvielfalt in jeder Hinsicht. Doch mit aller Quantität ist es natürlich nichts, wenn nicht auch die Qualität stimmt. Dass wir nicht auf jedes Modul im Detail eingehen können, dürfte auf Grund der schieren Masse ersichtlich sein. 
Getestet haben wir Amplitube 3 als Standalone, mit Apple Logic 9 und Ableton Live 8 unter Mac OS X
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Installation
Das passende Disk-Image findet sich ohne größere Probleme in der Downloadsektion auf der IK Multimedia-Webseite und ist schnell auf den eigenen Rechner gezogen, die anschließende Installation läuft flüssig durch.
Autorisation
Beim ersten Start erscheint dann gleich  ein Webinterface, mit dem sich das Plug-in autorisieren lässt. Dazu bedient sich IK Mutlimedia eines Challange/Response-Systems. Das heißt, man gibt seine Seriennummer ein und in Verbindung mit der ID des Computers erhält man einen Code zurück. Soviel Sicherheit wie notwendig, ohne den User zu sehr zu gängeln. Damit kann man gut leben.
Die Zahl der möglichen Installationen hat IK Multimedia auf fünf gesetzt, was alle die freuen dürfte, die mehrmals im Jahr den Rechner wechseln. Aber auch wenn alle Autorisationen verbraucht sind (was mir mit meinem ersten IK Multimediaprodukt schon passiert ist), reicht dann eine kurze Mail an den Support, um eine neue Freischaltung zu bekommen.
Signal Flow
Der Signalfluss in AmpliTube 3 ist dual ausgelegt, angefangen bei zwei Pedalboards, Amp A und Amp B mit den jeweils zugehörigen Speaker Cabinets und zwei Racks. Vorgeschaltet ist ein Stimmgerät. Dazwischen hat man aber auch die Möglichkeit, dass Gitarrensignal individuell zu routen, man kann z. B. erst durch Stomp A, dann durch Stomp B in Amp A gehen, und von dort durch Cab A in Rack A zu Rack B.
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Insgesamt lassen sich die Komponenten in acht Kombinationen zusammenschalten.
Gitarren-Amps
Amplitube 3 bedient eine sehr große Bandbreite an simulierten Amps, hier sollte jeder  fündig werden, und genügend Optionen haben die den eigenen Geschmack treffen. Angefangen von Fender-Klassikern über Vöxe und Marshalls bis hin zu Boogie-Amps, Amplitube hat für jeden was an Bord. Neben den bereits bekannten Bassman und Twin Reverb-Modellen wartet Amplitube 3 in der Fender-Abteilung etwa noch mit dem Superreverb und dem Deluxe Reverb auf. Bei Marshall wird man unter Plexi, JCM 800 und JCM 900 fündig, während das Vöxchen mit Blue Panel und Copper Panel aus dem Bau kommt.
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Neu ist der virtuelle Orange, den man entweder innig liebt, oder mit dessen Sound man so gar nichts anfangen kann. Die Metal-Fraktion freut sich über Rectifier-Simulationen, Eddies 5150, der hier 150W heißt und den Randall Warhead, eigentlich ein Transistoramp, von Randall nach den Spezifikationen des leider verstorbenen Pantera-Gitarristen Dimebag Darell gebaut.
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Die Klangcharaktere der Amps sind sehr modern ausgelegt, sie klingen einfach rund. Dabei gefallen mir persönlich die amerikanisch geprägten Ampsimulationen von Fender und Mesa/Boogie mit am besten, sind sie in ihrer Klarheit doch einzigartig gelungen. Es sind noch nicht mal so sehr die Rectifier-Sounds, die mich in AmpliTube überzeugen, sondern die virtuellen Mark III-Verstärker aus der Zeit, als Randall Smiths Company für viele nur ein (auch finanziell) unerreichbarer Geheimtipp war. Dieser Sound ist ausgewogen, kalifornisch warm und elegant, er eignet sich bestens für Westcoastsounds.
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Klare Arpeggios, Crunch oder singende Leadsounds werden von den beiden Modellen bestens bedient. Sowohl American  Clean MKIII wie auch American Lead MKIII sind mit allen klanglichen Optionen wie Bright, Shift, Rhythm, Depp und dem grafischen EQ der originalen Boogies nachgebildet. Schön kommt auch die digitale Reproduktion des THD Bi-Valve, der in der AmpliTube-Variante ebenfalls sehr gut den Charakter des Originals trifft. Oder vielleicht  besser die Charaktere?
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Denn das besondere am THD Bi-Valve ist, dass man, anders als bei anderen Röhrenamps, munter die Endstufenröhren wechseln kann, ohne immer wieder einen Bias-Abgleich vornehmen zu müssen. So lässt sich ohne Probleme zwischen 6L6, EL-34, 6550, 6V6, KT-90, oder KT-66 hin- und herspringen, alles ohne am Bias zu schrauben. Um diesem Feature Rechnung zu tragen, kommt der virtuelle Bi-Valve in AmpliTube 3 mit reichlich aussagekräftigen Sounds zwischen sparkling Clean, raunzigem Crunch  und Boutique Overdrive. Die Preamps, Tonestacks und Endstufen lassen sich auch miteiander mischen, so dass man seine Soundwünsche individuell anpassen kann.
Gitarren-Cabinets
Auch hier zeigt sich AmpliTube 3 vielfältig. Neben den für Rock und Metal typischen 4×12″-Cabs von Marshall und Mesa/Boogie findet man eine sehr gute Auswahl an 2×12″- 4×10″- und 1×12″-Combo-Lautsprechern, so dass sich jede gewünschte Soundvorstellung verwirklichen lässt. Ebenfalls unter die 46 Modelle gelangten auch Spezialitäten wie ein 6″-Lautpsprecher.
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Früher hätte man vielleicht gesagt, dass diese kleinen Speaker ins Kuriositätenkabinett gehören, aber aktuell erleben kleine Röhrenbrüller mit 6″- oder 8″-Lautsprechern eine wahre Renaissance, nicht nur in Form des Lautsprechers eines Fender Champion 600.
Bass Amps
Auch Bassisten, ob nun im Hauptberuf oder nur Aushilfsweise, werden an AmpliTube 3 ihre Freude haben, bietet das Plug-in doch sehr gute Alternativen zum hauseigenen Ampex SVX, wenn man nach klareren Solidstate-Sounds sucht. 
Während der SVX ja die Ampegseite bedient, finden sich in Amplitube 3 quasi 2 Gegenpole, namentlich von Trace Elliot und Gallien Krueger.
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Während der Ampegsound gemeinhin mit dem Röhrengrollen assoziiert wird, hat man bei Trace Elliot und Gallien Krueger doch eher den feiner aufgelösten HiFi-Transistorsound im Ohr. Und so liefert auch der Green BA250 knallige Funksounds, während der Combo 150MB für Jazz und Fusion geeignet ist. Mit einer entsprechenden 4x10er hinten dran geht aber auch hier die Post in Sachen Rock/Metal ab. Zusätzlich liefert IK Multimedias Eigenkreation Solid State Bass Preamp tranparente Soundmöglichkeiten. Der 360Bass orientiert sich klanglich am großen Acoustic-Stack, den Jaco Pastorious benutzt hat.
Bass-Cabinets
Die wohl am weitesten verbreitete Lautsprecherkombination bei Bassamps dürften vier 10″-Speaker sein. Diese findet man bei AmpliTube 3 sowohl als SWR Goliath Sim wie auch in Form einer 4x10er von Trace Elliot. Passend zum Gallien Krueger gehört die 1×12″-Combo Box, während sich die Reggea-Fans über einen einzelnen 18″-Lautsprecher von Acoustic und den Ampeg B15 15″ freuen.
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Rotary-Cabinets
Neben den “normalen” Gitarren- und Basslautsprechern lassen sich auch auf Wunsch zwei Rotaryspeaker verwenden, basierend auf dem Leslie 147 in verschiedenen Ausführungen. Durch IK Multimedias Volumteric Response Modelling  erhält man hier einen sehr räumlichen Sound, der die Vorzüge dieser Konstruktion optimal in Software umsetzt.
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Eigentlich von der Orgel kommend, findet auch so mancher Bluesgitarrist gefallen an diesem Sound. Im Original nur aufwendig mit mehreren Mikrofonen einzufangen hat man den Sound hier im Handumdrehen. Natürlich eignet sich diese Simulation auch bestens dazu andere Klänge, z. B. aus dem Bereich Keyboard/Orgel, aufzuhübschen.
Mikrofone
15 Mikrofone bietet Amplitube 3 an, darunter alle für Gitarristen und Bassisten relevanten Klassiker. SM57, MD421, MD441, e609, D20, RE20 heißen die dynamischen Typen, während sich die Condenser-Abteilung aus den virtuellen Modellen  KM84, U87, U67, C12 und TLM170 zusammensetzt.
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Zusätzlich kann man aus drei Bändchen-Mikrofonen wählen, die es in den letzten Jahren wieder weit nach vorne in der Gunst der Gitarristen und Produzenten geschafft haben. Beyerdynamics M160, Royers R121 und das GrooveTubes Velo-8 komplettieren die Auswahl. Zwei Mikrofone lassen sich vor dem jeweiligen Lautsprecher positionieren, dass ganze kann man dann noch in fünf unterschiedliche Raumcharakteristika setzen, vom Amp Closet, Small Studio, Mid Studio bis zum Large Studio und der Halle.
Pedalboard
Die zwei Amplitube-Pedalboards werden mit einer riesigen Anzahl von Stompboxes bestückt. Der Löwenateil liegt natürlich bei den Overdrive/Distortionpedals und bei  den Modulationseffekten. Bei den Zerrern finden sich die üblichen Clones von Tubescreamer und Boss SD-1, aber auch die Metal-Fraktion wird mit mehreren passenden Pedalen bedient. Neben dem OverScream gefallen mir Prodrive, The Ambass’dor und Diode Overdrive am besten.
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Für die Fuzz-Abteilung hat man sogar eine eigenes Untermenü reserviert, so dass man auch hier ausreichend Auswahl findet. Die Modulationsabteilung bietet erwartungsgemäß Chorus, Flanger und Phaser, wobei mich die Simulation des Uni-V(ibes) mit am meisten anspricht. Auch hier treffen die IK Multimedia-Leute erneut sehr genau den Charakter des großen Originals. Eine Strat, eine ansprechende Marshall-Simulation, das Univibe und dann Bridge Of Sighs. Da hat Robin Trower in den 70ern schon einiges vorweggenommen, was man dann später ähnlich von Soundgarden hören konnte. Die Pitchshifter arbeiten auch hervorragend und bieten genügend Einsatzmöglichkeiten, angefangen beim dezenten Andicken von Leadlines bis zu spektakulären Tom Morello Effekten mit dem Wharmonator. Ein besonderes Gadget ist der Stepslicer, mit dem sich schon fast Synthie-artige Klangstrukturen erzeugen lassen.
Rack
Im Rack finden sich die typischen 19″-Geräte, von denen nicht nur ich in der Vergangenheit wahre Kühlschrankladungen mitschleppte. Auch hier gibt es Chorus-, Delay-, EQ-, Filter- und Pitchshiftmodule. Es kann durchaus einen Unterschied machen, ob ein Chorus nun vor oder hinter dem Amp hängt, insofern ist es eine gute Wahl von IK Multimedia, hier beide Varianten anzubieten.
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Außerdem hat man versucht, hier den Sounds einen digitalen, analytischeren Charakter zu geben, was am klarsten bei Chorus- und Delayeffekten zum tragen kommt.
Fourtrack
Als Special verfügt AmpliTube 3 in der Standalone Version nun statt des File-Payers noch über einen kleinen Vierspurrecorder, der allerdings komfortabler zu handhaben ist als die ollen Cassettenteile. So lassen sich dann im Handumdrehen Licks und Phrasen aufnehmen, oder wenn es mal drauf ankommt, auch gleich eine Bandprobe mitschneiden. Natürlich lassen sich auch Soundfiles laden, so dass man zu seinem Lieblingssong direkt in AmpliTube jammen kann. Die Files und Aufnahmen lassen sich in Pitch und Time bearbeiten, was ganz nützlich ist, wenn man z. B. ein Solo raushören möchte, oder wenn die eigene Gitarre anders gestimmt ist als die auf einer Aufnahme.
MIDI
AmpliTube 3 kann auch MIDI. Praktisch jede Kontrollfunktion lässt sich mit einem MIDI-Befehl belegen. Normalerweise ja schlichtweg der Horror für Gitarristen, hat man es hier geschafft, das Thema zu entschärfen.
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Was ich schon an Ableton Live immer mochte, funktioniert auch hier. Einfach anklicken und über Assign MIDI den entsprechenden Controller zuweisen. Funktionierte mit meinen MIDI-Boards ohne Probleme.
Soundqualität und Dynamik
Für mich machte es in der Vergangenheit durchaus einen Unterschied, ob ich die Sounds aus Ampmodellern “nur” abmischen oder ob ich auch mit den Modellern einspielen sollte. Das erste habe ich schon immer gerne gemacht, im Unterschied zu anderen Tonkollegen bin ich nicht der Meinung, dass man virtuelle Ampsounds nicht mischen kann. Das zweite, nämlich das Einspielen direkt mit der Software, war gerade zu Anfang des Ampmodellings eine heikle Sache, was Latenzen und Spielgefühl anbetraf. Sehr oft legte ich mir parallel noch einen separaten Signalweg mit einem Röhrenpreamp wie Marshall JMP-1 oder Hughes & Kettner Tubeman, über den ich mein Spiel abhörte. Hier hat nun auch AmpliTube einen wahren Quantensprung vollzogen, denn die Sounds fühlen sich einfach gut an. Vor allem bei den Cleansounds hat AmpliTube 3 mächtig zugelegt.
Ein cleaner Combo mit 6L6-Röhren in der Endstufe atmet auf gewisse Art und Weise, fast meint man, er zieht erst die Luft ein, um sie dann wieder aus dem Speaker auszuspucken. Genau dieses Gefühl hat man bei AmpliTube 3 richtig gut hinbekommen. Das Spielgefühl ist direkt, die Software reagiert richtig angenehm auf die Gitarre und den Anschlag des Gitarristen. Hierzu trägt mit Sicherheit der Hi-Mid-Eco-Mode bei, der es erlaubt, den CPU-Hunger von AmpliTube 3 an die Rechnerperformance anzupassen. Mit einem halbwegs aktuellen Computer kann man aber getrost im Hi-Modus bleiben. Ik Multimedia nennt das True Dynamic Response – ich nenne das gut. Bei weniger performanten Maschinen würde ich sogar eher dazu raten, sofern die DAW über keine Freeze-Funktion verfügt, die Spur einmal im Hi-Modus zu bouncen und dann wieder zu importieren und das Plug-in dann zu deaktivieren.
Fazit
Amplitube 3 liefert realistische Sounds und vermittelt ein angenehm rundes Spielgefühl. Die modellierten Amps und Effekte sind gut getroffen, und zeichnen einen variantenreichen Gitarrensound. 
Die Bedienung bleibt dabei einfach und intuitiv und ist auf die Ansprüche und Wünsche von Gitarristen zugeschnitten. Amplitube 3 kann jede Stilistik bedienen, egal ob man cleane Popsounds, crunchigen Blues oder High Gain Metal-Geschredder auf der Agenda hat. Zu Amplitube 2 finde ich den Sound detailreicher und lebendiger, so dass AmpliTube 3 an der Spitze der Ampmodeller mitspielt. Dafür den Redaktionstipp!
Heiko Wallauer
Systemvorraussetzungen Mac OS X:

  • Dual 1 GHz G4  oder 1.5 GHz Intel Prozessor
  • 1GB RAM
  • Mac OS X 10.4 oder später
  • VST, AU, RTAS, Standalone

Systemvorraussetzungen Mac Mac OS X empfohlen:

  • Dual 2 GHz G5 oder 2.3 GHz Intel Core Duo
  • 2 GB RAM
  • Mac OS X 10.4.4 oder später
  • VST, AU, RTAS, Standalone

Systemvoraussetzungen Windows:

  • Pentium 4 / Athlon 64 Prozessor
  • 1 GB RAM
  • Windows XP, Windows Vista oder Windows 7
  • VST, RTAS, Standalone

Systemvoraussetzungen Empfohlen:

  • 2.33 GHz. Intel Core Duo
  • 2 GB RAM
  • Windows XP, Windows Vista oder Windows 7
  • VST, RTAS

Preis

  • 269,99 Euro

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