Musik-Tipp: Steve Rothery "The Ghosts of Pripyat"

Marillion-Gitarrist Steve Rothery wandelt mit „The Ghosts of Pripyat“ nun erstmals auf Solopfaden, sieht man mal von folklastigen „Bandexkurisonen“ wie The Wishing Tree ab. Auf seinem Solo-Album bietet Rothery nun rein instrumentale Gitarrenmusik, ohne technische Werkschau, Sechzehntelarpeggios oder ohne in Fusiongefilden zu fischen – kann dass überhaupt (gut) gehen? Im Falle Steve Rothery bestimmt, gehört der Mann doch zu den Lyrikern der Gitarre, der, ähnlich wie David Gilmour, seine ganz eigene Stimme auf den sechs Saiten gefunden hat und Linien von vokaler Qualität spielt.

„The Ghosts of Pripyat“ besteht aus sieben Instrumentalnummern mit ausufernden Längen zwischen 5:30 und 11:42, teilweise mit prominenter Unterstützung im Studio eingespielt. So liefern Steve Hackett und Steven Wilson hochwertige Beiträge und veredeln das Album.

The Ghosts of Pripyat

The Ghosts of Pripyat

Der Opener „Morpheus“ beginnt zunächst mit sphärischen Shine On You Crazy Diamond/Signs Of Life-Keyboardklängen, bevor Steve Rothery mit seiner Gitarre einsetzt.

Mit „Kendris“ führt uns Steve Rothery dann zurück in die Zeit von Marillion, Genesis oder Peter Gabriel und bedient sich soundtechmisch am alten Prog Rock.

„Old Man of the Sea“ startet collagenartig und wird als längster Track des Albums zum Gipfeltreffen der drei Steves Rothery, Hackett und Wilson.

„White Pass“ erinnert mich dann am stärksten an Pink Floyd und hätte auch gut und gerne zu „The Endless River“ gepasst.

Schon bei Marillion lies Steve Rothery immer mal wieder durchblitzen, dass er auch hardrockigen Gitarrenklängen nicht unbedingt abgeneigt ist, und so kokettiert er in „Yesterdays Hero’s“ mit diesem Terrain, dass er mit schmeichelnden Gitarrenklängen kontrastiert.

„Summer’s End“ stellt dann den Übergang von warm zu stürmisch dar, und mir fällt hier immer wieder eine Catchphrase ein, mit der seinerzeit ein Type O Negative-Album beworben wurde: August Heat, September Rain, October Rust.
Dieser Verlauf führt dann auch geradewegs zum großen Finale „The Ghosts of Pripyat“ das orchesteal-monumental dem Album einen furiosen Abschluss beschert. Obwohl zwar der kürzeste Song des Albums, hier zieht Steve Rothery nochmal alle Register und zeigt, was msn aus einer Gitarre alles an Stimmungen herausholen kann.

Überhaupt gilt Rothery unter Gitarristen als Soundgourmet, der für mich immer etwas im Schatten des großen David Gilmour steht. Auch die Produktion von „The Ghosts of Pripyat“ ist über jeden Zweifel erhaben, stilvoll wurden die Aufnahmen in den Real World Studios umgesetzt.

Und so drängt sich dann vielleicht doch die Frage auf, ob „The Ghosts of Pripyat“ nicht vielleicht doch die bessere „Endless River“ ist? Doch der Vergleich hinkt für mich, denn Pink Floyds letztes Album stellt die Verwertung längst vergessener Aufnahmen als Tribut an ein verstorbenes Bandmitglieds dar, während „The Ghosts of Pripyat“ komplett neu komponiert und produziert wurde.

Und um die Eingangsfrage zu beantworten: „The Ghosts of Pripyat“ ist für mich eines der besten und stimmungsvollsten Gitarrenalben – eine Sache für Soundästheten, die in der Lage sind, für ein Album die nötige Zeit mitzubringen, denn „The Ghosts of Pripyat“ muss man von vorne bis hinten in einem Stück durch hören. Ein Highlight des Prog Rock!

Heiko Wallauer

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