Gelesen: Guy Pratt (Pink Floyd/Roxy Music) – My Bass and Other Animals

Heute möchte ich mal dem Gerücht entgegen treten, das für Ton-Leute lese-technisch grundsätzlich nur die Lektüre von Manuals und Bedienungsanleitungen der neuesten Digitalpulte interessant sei, denn es gibt es ja auch durchaus Musikerkollegen die sich literarisch betätigen – Rush-Drummer Neil Peart fällt mir da in vorderster Reihe ein. Schon vor längerem kam ich beim Stöbern auf Amazon auf ein Buch von Guy Pratt, welches mir durchaus lesenswert erschien, deshalb wurde es auch sofort via Internet geordert.

„Guy wer?“ wird sich jetzt mancher fragen, dabei dürfte der Mann in den letzten 30 Jahren vor mehr Publikum gespielt haben als viele Kollegen, die mehr Medienpräsenz genießen. Zu seiner Person: Gut Pratt ist ein typischer Sideman und hat als Bassist in seiner Karriere einige internationale Top-Größen begleitet, seine prominentesten Arbeitgeber dürften wohl Pink Floyd und David Gilmour sein, bei denen er, mal vom Live 8-Intermezzo abgesehen, seit der A Momentary Lapse Of Reason-Tournee für das Tiefton-Fundament in der Band zuständig war. Aktuell ist er auch wieder mitunter auf „The Endless River“ von Pink Floyd und auf Bryan Ferrys Avonmore zu hören.

My Bass and other Animals Guy Pratt

Auf der Pink Floyd-Tournee zu „A Momentary Lapse of Reason“ fand ich Guy Prattt sehr beeindruckend, schaffte er es doch im Bandkontext von den oftmals etwas einfach gestrickten Basslinien von Roger Waters mehr Leben zu verleihen, er brachte das Ding Live zum Swingen – dokumentiert auf dem Live-Album „Delicate Sound of Thunder“. Und das so gut, dass er seitdem auch regelmäßig mit seinem Boss David Gilmour auf der Bühne steht. Allein das kurze Fretless Bass-Fill in On The Turning Away (nachzuhören auf der Delicate Sound Of Thunder) verursacht mir noch heute Gänsehaut.
Aber auch seine weiteren Auftraggeber lesen sich wie das Who-is-Who der internationalen Musikszene: Robert Palmer, Brian Ferry, Roxy Music, Jimmy Page, Gary Moore oder Madonna sind da nur ein kleiner Ausschnitt und nur Tony Levin dürfte eine ähnlich hochkarätige Referenzliste auf dem Zettel haben.

My Bass And Other Animals erschien zwar schon 2007, trotzdem sind die etwas über 300 Seiten ein riesiger Lesespaß. In einer unnachahmlich charmanten Weise gibt Pratt Geschichten und Anekdoten aus seinem bewegten Musikantenleben zum Besten und sorgt so für manchen Lacher. Sei es nun die erste Tour mit Pink Floyd, oder der Umstand, dass Guy nach einem Flug mit Jimmy Page am englischen Zoll in einem Rollstuhl aufwacht, Pratts Schreibe ist pointiert und witzig, er nimmt kein Blatt vor den Mund, ist dabei aber immer sehr britisch-höflich, so dass sich keiner der Dabeigewesenen schämen muss. Ein echter Gentleman eben! Dabei ist My Bass And Other Animals weit davon entfernt, eine dieser typischen Musiker-Autobiographien zu sein, denn nur zu Anfang geht Pratt auf seine Kindheit und seinen Weg zum ersten Bass ein.

Vielmehr liefert Pratt einen unterhaltsamen Abriss von über 30 Jahren (britischer) Musikgeschichte, angefangen bei seligen Punktagen, über die dekadenten 80er, den Stadion-Bombast der 90er bis zum heutigen Tag.

Manchmal erinnert mich sein Stil an den ebenfalls von mir hoch geschätzten Anthony Bourdain, der zwar eine gänzlich andere Zielgruppe bedient, der aber ähnlich viel Witz und Esprit versprüht. My Bass And Other Animals basiert auf einem Bühnenprogramm, mit dem Pratt 2005 auf Tournee war, und das er auf dem Edinburgh Festivals zum Besten gab. My Bass And Other Animals ist ein kurzweiliges Lesevergnügen, denn die Mischung aus britischem Humor, Witz und Rock’n Roll-Wahnsinn ist einfach unnachahmlich zu Papier gebracht und bestimmt nicht nur Bassisten zur Lektüre empfohlen.

Ach so bevor ich es vergesse: natürlich ist My Bass And Other Animals in englischer Sprache. Von einem der dabei war und sich (im Gegensatz zu Joe Walsh) noch dran erinnern kann. Wer sich schon mal von Guys Entertainer-Qualitäten vorab überzeugen möchte findet schaut sich das nachfolgende TV-Interview mit Guy an. Allein wie er hier sein erstes Zusammentreffen mit David Gilmour beschreibt ist einfach köstlich.

Wer immer schon mal wissen wollte, welche Problematik beim zertrümmern eines Basses ergeben können, sollte sich den folgenden Clip anschauen.

Heiko Wallauer

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